Und die Erde schaute traurig zu

Der Schulhof war laut und unübersichtlich. Viele Kleine und Große spielten Fangen, Verstecken und Raufen. Die Lehrerin, die Erde, war nur noch mit halbem Auge dabei, ihre Aufsicht zu machen. Schon lange hörte keiner mehr auf die alte Lehrerin, sie konnte sich um Kopf und Kragen reden. Nur ein paar Vernünftige gab es. Die Restlichen hatten es sich zur Aufgabe gemacht, die Erde auf ihre alten Tage noch kaputt zu machen. Vielleicht auch unterbewusst. Sie wusste es nicht. Da waren sie alle: Die Wirtschaft, sie riss Grassoden aus dem Boden, um Platz für neue Sandburgen zu machen. Die Angst, sie war überall und nirgends, sie war immer da, viele mochten sie nicht, doch manche spielten mit der Angst, um andere zu beeinflussen. Da war die Gewalt, sie hatte es auf Schwache abgesehen, verprügelte sie und schob es dann anderen in die Schuhe. Und der Hass, der dafür gesorgt hatte, dass niemand mehr auf Anstand achtete, so hatte er sich heimlich zum Herrscher über den Schulhof gemacht. Da war die Klassensprecherin: Die Politik. Doch auch sie hatte verlernt, sich mit den richtigen Leuten abzugeben. Sie verkehrte mit Krieg, den vielen kleinen und großen Lügen und vor allem mit der Wirtschaft. Das heftige Kräftemessen auf dem Hof hatte dazu geführt, dass Einige die Schule verlassen hatten müssen, denn für sie war kein Platz mehr gewesen. Der Frieden, beispielsweise. Er hatte einsehen müssen, dass er, solange der Krieg in seine Klasse ging, nicht auf der Schule bleiben konnte. Viele fühlten sich ausgeschlossen: Die Freiheit, sie hatte dem Terror einmal zu oft die Meinung gegeigt. Oder die Natur; sie war zu friedlich, um ihre Meinung zu sagen und hatte sich gefügig unter Wirtschaft und Politik zurückgezogen.

Die alte Lehrerin drehte sich um. Da, in einer der hintersten Ecken des Schulhofes, schimmerte etwas. Es glänzte seicht im übrigen warmen Licht der Sonne. Sie machte ein paar Schritte in dessen Richtung. Sie zögerte und drehte sich noch einmal um und schaute den raufenden Lehrlingen einige Minuten traurig zu. Die Erde wandte sich zum Licht. Da sah sie, wer dort in der Ecke des Hofes auf sie wartete:

Es war die Hoffnung. Und ihr Licht schimmerte, machte Wahrheit, Freiheit und Gerechtigkeit stark, sodass sie loszogen, die anderen zu fangen.

Die alte Erde lächelte. „Sie werden wohl nie dazulernen“ sagte sie leise und schloss die Augen. Sie war alt geworden.

Doch sie wusste, würde sie ihre Arbeit aufgeben, würde die Schule vergehen.

Und mit ihr die Hoffnung.


Thies ist Mitbegründer des Gedächtnispalastes, außerdem naiver Weltverbesserer.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s