Risse im Asphalt, Kapitel 3: Das Fahrrad

Von Thies

Scheiße. Wie sollte Chris seinen Eltern das nur wieder beibringen? So eine dämliche Scheiße. Einmal seit Monaten die schlechten Noten, mit denen seine Eltern als „angesehene Bürger“ ganz und gar nicht zufrieden waren. Erst recht nicht, seit sein Vater in die Politik gegangen war und für die Regierungspartei arbeitete. Von dieser Arbeit bekam Chris nicht viel mit, nur fand er, dass die Wohnung viel pompöser geworden war, seit sein Vater den Job hatte. Schon oft hatte sich Chris Anfeindungen in der Schule hingeben müssen, sein Vater sei „ein dreckiger Mörder und Verräter“. Jedoch Chris beeindruckte das alles nicht. Er hatte mit Politik nicht viel am Hut und interessierte sich kein bisschen dafür. Solange er warmes Essen und Datenvolumen bekam, waren ihm die Beschäftigungen seiner Eltern herzlich egal. Und nun war ihm auch noch diese miese Sache passiert: Er hatte, verbotenerweise, das Fahrrad seines Vaters für den Weg zum Tennistraining benutzt, er liebte die Obsidianfarbe des dunklen Lacks, und dann war da auch noch die erstklassige Technologie mit der das Rad fuhr. Sicher wird man sich fragen, was an der Technologie eines gewöhnlichen Zweirads so besonders sein kann. Aber es ist wirklich erstaunlich, was dieses Ding alles kann: Es ist mit eigenem WLAN mit einem kleinen Kopfhörer verbunden, über den man mit dem System kommunizieren kann. Es macht was man möchte, es spielt die Musik die man möchte, es zeigt (auf der „Sonnenbrille“, die wie eine Art Bildschirm aufgebaut ist) welche Route man fahren möchte. Es dauert ewig, bis man alle Funktionen des Fahrrads herausgefunden hat. Doch gibt es im System auch gesperrte Bereiche, auf die nur befugte Personen Zugriff haben. (Was wollte sein Vater bloß mit dem Teil?) Und genau mit diesem „Fahrrad“ war Chris an diesem Abend dieses Unglück passiert: Es war nicht mehr da. Weg. Geklaut aus dem Fahrradständer vor der Sporthalle. Und dabei hatte er dem System doch noch vorher selbstgefällig befohlen, es solle „das Sicherheitssystem aktivieren“, womit schlicht und ergreifend gemeint war, das sich ein gewöhnliches Fahrradschloss betätigte. Zum Glück waren Sonnenbrille und Kopfhörer während des Trainings in seinem Rucksack gewesen, und niemand konnte die wahre Funktion des Vehikels herausfinden. Doch je länger Chris vor der Halle stand, wurde ihm klar, wie tief er doch eigentlich in der Scheiße steckte. Ziemlich tief. Fast bis zum Hals. Er so gut wie tot, wenn sein Vater das erfuhr.

Genauso gut wie tot war der Mann, dessen Rücken etwa fünfhundert Meter entfernt mit einer elektrischen Peitsche bearbeitet wurde.

-Thies

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