Dialog zwischen zwei Menschen I

Die Berufsmesse

Der Schotter knirscht unter meinen Stiefeln, während ich mich langsam über den Platz vor der großen Halle bewege. Es ist kalt geworden. Die zahlreichen Autos vor dem Messegebäude versprechen eine überfüllte Veranstaltung, kein Wunder, wo wir als Schüler verpflichtet wurden, hier an einem Samstagmorgen zu erscheinen um auf die Berufsmesse zu gehen. Der Lehrer hat gesagt, es sei wichtig, uns beruflich zu orientieren, wenn wir nicht den Anschluss verlieren wollten. Und trotzdem weiß ich nicht, was ich hier eigentlich soll. Als ich die Halle betrete, schlägt mir sofort der Duft nach Bratwurst und verbrauchter Luft entgegen. Unvermittelt überkommt mich der Drang, sich auf dem Absatz umzudrehen und dahin zu gehen, wo ich herkomme. Doch etwas zieht auf einmal meine Aufmerksamkeit auf sich: Drei Menschen, eine Frau und zwei Männer, die mitten auf dem Gang Flugblätter verteilen. Der eine Mann trägt einfache Militärkluft, die Deutschlandflagge prangt auf seiner Schulter wie ein Abzeichen. Die anderen beiden Personen tragen Uniformen, an der Brust mit Orden und Auszeichnungen überfüllt. „Mach, was wirklich zählt“ werben die Flugblätter, der Hintergrund schwarz-rot-gold, die Schrift militärisch grün und braun. In meiner Trance bemerke ich nicht, wie ich plötzlich am Arm berührt werde. „Hallo, Junge“ sagt die Frau zu mir, die mir vorher noch mit ihren Flugblättern aufgefallen war. „Lust, was für dein Land zu tun?“ fragt sie weiter. „Was denn?“ antworte ich erstaunt, während ich ihr Gesicht fixiere: Sie hat graublonde, kurze Haare. Die Beschaffenheit ihrer Haut verrät, dass sie starke Raucherin ist. Ihre Stimme ist rau und strikt; sie ist es gewohnt, Menschen Befehle zu geben. Ihr Namensschild weist sie als Oberstleutnant Angela Zimmer aus. „Junge Männer wie du wollen doch sicherlich zur Bundeswehr. Und Gib es zu, irgendwann hast du dir mit Sicherheit schonmal gewünscht, eine Waffe zu halten.“ „Nein, noch nie“ stelle ich mit nachdenklichem Gesicht fest. „Dann wird es aber Zeit. Ein Jammer, dass ihr jungen Leute alle keinen richtigen Krieg erlebt habt. Dann würdet ihr wissen, wie wichtig es ist, sein Land zu verteidigen.“ Ich erwarte ein Lächeln, irgendein Anzeichen dafür, dass sie das nicht ernst gemeint hat, doch ihr Gesicht bleibt kalt und ausdruckslos. Ich kann es nicht fassen, wie schnell dieses Gespräch die Konfrontation fordert. „Sie wünschen sich also den Krieg? Etwas, das Menschenleben zerstört, wünschen Sie sich zurück in unser freies Land?“ Jetzt zeigt sich eine Gefühlsregung auf dem Gesicht der Frau: Sie scheint langsam die Geduld mit mir zu verlieren. „So einer bist du also. Okay, dann drücke ich es mal für euch Pazifisten aus: Die Bundeswehr ist dazu da, Kriege zu beenden, für Frieden zu sorgen“ sagt sie, nun mit fast grimmiger Miene. Meine Antwort darauf habe ich mir zurechtgelegt: „Gute Frau, Frieden kann nur durch Frieden erreicht werden, nie durch Krieg. Vielleicht sollten Sie darüber mal nachdenken.“ Sie schüttelt den Kopf. „Dass ich mir sowas von einem Jungen sagen lassen muss, der noch grün hinter den Ohren ist… Möchtest du jetzt eine Infobroschüre haben oder nicht?“ fragt sie gleichgültig, jetzt wieder kalt und leer. „Danke, ich habe alles was ich brauche“ gebe ich lächelnd zurück. Dann drehe ich mich wieder zum Ausgang und lasse Oberstleutnant Angela Zimmer verdutzt stehen.

Und wieder muss ich grinsen, während ich das eingeschaltete Aufnahmegerät in meiner Manteltasche betrachte. „Berufliche Orientierung abgeschlossen“ denke ich, still in mich hineinlächelnd, und der Schotter knirscht unter meinen Stiefeln.


Thies ist freier Autor und Gründer des Gedächtnispalastes. Er ist vor allem beim Schreiben von künstlerischen Texten zu finden, aber auch bei Sachtexten.


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