Dialog zwischen zwei Menschen II

Die Hochzeitsfeier

Entnervt laufe ich den schmalen Schotterweg hinter dem Schloss entlang. Was eine Hitze heute. Unerträglich, besonders im Anzug. Meine Anzughose habe ich schon ewig nicht mehr getragen, nun klemmt sie mir Stellen ein, die normalerweise ihre Freiheit brauchen. Auch der Kragen meines Hemdes könnte lockerer sitzen. Warum müssen Hochzeiten so anstrengend sein? Und jetzt musste ich auch noch mein Handy aus dem Auto holen, weil ich es vergessen hatte. Wirklich nicht entspannt. Das einzig wirklich Gute an Hochzeiten ist sowieso das Essen, ich kann mir nicht vorstellen, warum Leute sonst gerne auf solche Feierlichkeiten gehen. Bestimmt nicht, um alte silberne Krawatten zu tragen. Sie war das Letzte, was ich auf die Schnelle noch gefunden habe, dabei trage ich am liebsten Fliege. Die goldene Kuppel des Schlosses glitzert im Sonnenlicht des frühen Abends, während ich in meinen Lackschuhen über eine Brücke gehe. Mein Onkel und seine Frau (jetzt wohl meine Tante), haben sich für diesen Park als Ort für ihre Hochzeitsfeier nach der Trauung entschieden. Durch den Staub der Wege stapfe ich wieder in Richtung der Feier, mitten im Schlosspark unter einem riesigen Pavillon. Etwas verschwitzt erreiche ich die ausgelassenen Hochzeitsgäste. Maria, meine Begleitung, schaut mich missbilligend an. „Warum hat das so lange gedauert?“ fragt sie, dabei nippt sie an ihrem Sektglas. „Hat es doch gar nicht“ gebe ich zurück, nun verschmitzt grinsend. Ich weiß nicht warum, doch es fällt mir schwer, sauer auf sie zu sein, wenn sie mich mal wieder von der Seite anmacht. Jetzt lächelt auch sie. „Hol dir doch bitte etwas zu essen. Das Grillbuffet ist weltklasse.“ Ich nicke, und gedankenverloren bewege ich mich zum Essen, als ich plötzlich mit einer Frau zusammenstoße. Sie ist älter als ich und dunkelhäutig. Als ich mich schnell entschuldige, lächelt sie nur zurück, ein strahlenweißes, freundliches Lächeln. Nachdem ich mich an den Tisch mit weißer Tischdecke zu Maria gesetzt habe, mustere ich langsam die Hochzeitsgäste, die sonst noch am fein eingedeckten Tisch sitzen. Ein älteres Ehepaar, Mathilde und Günther, enge Freunde meiner Großeltern. Außerdem noch eine Familie mit kleinen Kindern. Und: Die Frau vom Buffet, neben ihr ein Mann. Gerade lacht sie laut über einen Witz, den er offenbar vorher erzählt hat. „Dürfen wir mitlachen?“ fragt die Familienmutter freundlich. „Ja, dürfen Sie, aber ich glaube, den sollte ich hier lieber nicht erzählen“ schmunzelt sie mit Blick auf die Kinder. Ich bemerke, wie sich Mathilde fasziniert über den Tisch lehnt. „Sie sprechen aber gutes Deutsch“ bemerkt sie, „wann sind Sie denn nach Deutschland gekommen?“ Ich spüre langsam, wie sich meine Nackenhaare aufstellen, doch die Frau bleibt seelenruhig. „Sie meinen, wann ich geboren bin? Vor nun fast 37 Jahren.“ Die Alte kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. „Nein, ich hab gefragt, wann sie in unser Land gekommen sind.“ Ihre dunkle Haut strafft sich, während sie ihr Gesicht zu einem entspannten Grinsen verzieht. „Ich wurde in Deutschland geboren. Meine Eltern kamen damals aus Ghana.“ Bevor ich etwas sagen kann, schaltet sich Günther, schon deutlich angetrunken, lautstark ein: „Also auch so ein Flüchtlingskind, das dann auf einmal wie ’ne Deutsche behandelt werden will. Haben Sie denn hier überhaupt Arbeit?“ Jetzt wird es mir zu viel. Maria merkt das und berührt mich beschwichtigend am Bein. Es ist unglaublich, wie die hübsche Frau am anderen Ende des Tisches immer noch so ruhig bleiben kann, sie nimmt langsam einen Schluck von ihrem Wein und antwortet: „Ja. Ich habe Arbeit. Ich arbeite als Oberärztin für Kinder- und Jugendmedizin an der Uniklinik Münster. Wieso?“ Ich nutze den Moment des Erstaunens in den Gesichtern der beiden Alten. „Sag mal, Mathilde? Bist du nicht auch damals, nach dem Krieg, als Flüchtling aus Stettin hierher gekommen?“ „Ja. Aber das kann man nicht vergleichen. Wir hatten damals noch echte Probleme“ entgegnet sie bissig. Jetzt geht sie entschieden zu weit. Doch auch ich versuche, ruhig zu bleiben. „Sag mal, Günther? Als was hast du nochmal gearbeitet? Hast du deinen Job als Hausmeister nicht irgendwann aufgegeben, weil du keine Lust mehr hattest?“ Ich merke, dass ich mich auf ganz dünnem Eis bewege. Günther wird puterrot, er lässt seine Feinschmeckerbratwurst aus dem Mund zurück auf den Teller fallen. „Du bist so ein eingebildeter und frecher Junge! Erreiche du erstmal was in deinem Leben!“ brüllt er. Zum Glück ist es Dank der Liveband so laut, dass niemand an den anderen Tischen etwas davon mitkriegt. „Da hast du vielleicht Recht. Aber immerhin bin ich kein Rassist mit Doppelmoral“ erwidere ich und grinse noch ein bisschen eingebildeter. Das lassen sich die beiden nicht gefallen, es kommt Bewegung auf; Günther und Mathilde packen in Windeseile ihre Sachen zusammen, verabschieden sich vom Brautpaar und stürmen aus dem Park, Richtung Hotel. „Das wäre nun echt nicht nötig gewesen“ sagt die deutsche Frau aus Münster. „Ich weiß. Aber Spaß gemacht hat es trotzdem.“ Kurzes Schweigen, dann bricht der ganze Tisch in Lachen aus.

„Du bist wirklich eingebildet“ sagt Maria später auf dem Heimweg zu mir, „aber leider hast du dabei immer Recht.“ Ich grinse sie an, und so gehen wir durch die sternenklare Nacht und freuen uns darüber, wie viele Bekanntschaften eine Hochzeit mit sich bringen kann.


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