Oh Joanne, was hast du mir angetan?

Wie Kindheitsträume zerbrachen
Mit sieben Jahren war ich noch ein kleines Mädchen mit rundem Gesicht und komischen Klamotten, das voller Aufregung die „Harry Potter – Der Stein der Weisen“-Videokassette mit nach Hause schleppte, um dann von der Mutter gesagt zu bekommen, dass ich immer zuerst das Buch dazu lesen soll, bevor ich mich von Bild und Ton einnehmen lasse. Eine Regel, die maßgeblich dazu beigetragen hat, dass ich zu einem halbwegs gebildeten und gut artikulierten Menschen herangewachsen bin.
Mein siebenjähriges Ich war zwar sonst von eher rebellischer Natur, beschloss aber in diesem Moment, zu gehorchen – weise Entscheidung, ich hätte mich wohl so oder so nicht durchsetzen können.
Das ist im Prinzip die Geschichte, wie ich zum ersten Mal mit Rowlings siebenteiliger Romanreihe in Kontakt kam, ein entscheidender Augenblick, man könnte sogar sagen eine Zäsur in meinem Leben. Die detailreiche magische Welt, in der der kleine Junge aus dem Ligusterweg Nr. 4 aufwuchs, war alles, was ich mir für mein Leben wünschte. Übermenschliche Kräfte, Freunde, die dich in brenzligen Situationen nicht im Stich lassen, große bärtige Männer, die dir steinharte Kekse backen. Ich verschlang die dicken Wälzer, die teilweise über tausend Seiten umfassten, innerhalb weniger Tage und wurde voll eingenommen. Ich fand mich in Situationen wieder, in denen ich mir mit dem Zauberpruch Accio meine Klamotten vom anderen Ende des Zimmers herbeiwünschte und war außerdem der festen Überzeugung, ich würde im nächsten Schuljahr nach Hogwarts wechseln. Meine Mutter belächelte mich damals nur, aber tatsächlich waren es diese Hoffnungen, die mich noch viele Jahre später zum Weinen bringen würden. Und nein, das ist keine dreiste Übertreibung. Jedes Mal, wenn ich von Hogwarts träume und für einen kurzen Moment die Realität vergesse, ist die Enttäuschung so groß, dass ich in ein tiefes dunkles Loch falle, das ich nicht heller machen kann, weil ich Lumos nicht beherrsche.
Warum mich eine Simulation glücklich macht
Ich muss so weit ausholen, um erklären zu können, warum mich das vor wenigen Tagen erschienene Videospiel „Hogwarts Mystery“ so berührt hat. Natürlich bin ich mir mit meinen inzwischen 17 Lebensjahren durchaus bewusst, dass eine parallele Zauberwelt nicht nur nicht existiert, sondern außerdem auch äußerst unrealistisch ist, aber selbst so eine blöde Handysimulation davon macht mich schon glücklicher als zuvor, zumindest für den Augenblick.
Ich war in der Lage, meine eigene Hogwartseinladung in den Händen zu halten, mich vom Sprechenden Hut in eines der Häuser einordnen zu lassen und zu lernen, wie man einen Schlaftrunk braut oder Schlösser mit Alohomora knackt. All das zu erleben und gleichzeitig mit meinen genauso begeisterten Freunden teilen zu können, ließ mein Herz höherschlagen. Es ist wie, wenn man diesen einen Beatles Song, der früher immer im Radio lief, nach zehn Jahren wieder hört, und sich plötzlich wieder wie ein siebenjähriges blondes Mädchen mit Sommersprossen fühlt.
In Zeiten, in denen ich in der Realität wirklich manchmal sehr schlechtgelaunt und unglücklich bin, tut es doch gut, sich mal wieder in diese Fantasiewelt flüchten zu können.


Kiki hat zwar schon WordPress-Erfahrung, liefert aber mit diesem Text ihr Debüt als Gedächtnispalast-Autorin. Ab jetzt immer öfter hier zu lesen – dem Online-Magazin für sie, ihn und es.


 

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