Mein Kurztrip nach „MoTown“

Die größte Stadt meiner Teilzeitheimat Michigan. Eine der wohl berühmtesten, und berüchtigsten Städte der USA. Bekannt für schillernde Paraden, große Feste, erfolgreiche Sportmannschaften, aber auch hohe Arbeitslosigkeit und Kriminalität. Die Rede ist von Detroit.

Mein Trip „to The Motor City“ ist spontan. Wie das eben so ist, als Austauschschüler muss man alles mal gesehen haben, also beschließen wir einmal durch Detroit zu fahren. Gleich zu Anfang fängt mein Gastvater an zu erzählen, dass es in Detroit Ecken gibt, in denen man sich gerne aufhält, aber auch Ecken, in denen man das Auto lieber nicht verlässt. Außerdem haben wir nicht so viel Zeit. Ich bin also gezwungen, aus dem Auto zu beobachten und zu fotografieren. Bevor wir in den schönen, inneren Kern Detroits kommen, schlagen wir uns durch die unendliche Vorstadt. Die Woodward Ave verläuft einmal hindurch und eröffnet Einblicke in alle Schichten. Auf der rechten Seite eröffnet sich der Eingang in eine Siedlung, die in etwa so aussieht, wie die Lion Estates in „Zurück in die Zukunft 3“. Fenster sind vergittert, die Vorgärten ungepflegt. Einige Briefkästen liegen am Boden. Hier und da treffen mich ein paar einsame Blicke. Auf der linken Seite der Straße erstrecken sich alte Geschäfte.

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Dann: Umbruch. Ich kann kaum fassen, dass wir uns immer noch auf der Woodward Ave befinden, denn auf einmal erstrecken sich rechts und links scheinende Fassaden. Die Straßen sind geputzt, es liegt nicht mehr überall Müll auf den Straßen. „Das ist wegen der Parade“, beginnt mein Gastvater, „an Thanksgiving.“ Jedes Jahr an Thanksgiving findet hier in Detroit nämlich eine große Thanksgiving Parade statt. In den ganzen USA bekannt, schlägt sie jedes Jahr eine bestimmte Route ein. Wo genau die Route ist, erkennt man auf den ersten Blick. Entlang der Route haben sich Geschäfte, bekannte Marken, aber auch große Unternehmen angesiedelt. Fünfhundert Meter weiter fängt das Elend wieder an. Ich beginne ein paar Fotos zu schießen.

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Aber wieso ist es nur der innere Kern Detroits, und die Route der Parade, der glänzt? Wie kommt es, das die Stadt an sich so arm ist? Um die Frage zu beantworten muss man ein wenig in der Geschichte der Stadt wühlen. Detroit hat ein Schicksal erfahren, das viele andere Städte auch getroffen hat, nur ist es hier am deutlichsten zu sehen.

1909: Der Unternehmer Henry Ford investiert mit seinem Unternehmen Ford Motor Company in eine Autofabrik in Detroit. Das dort produzierte Modell T geht in die Geschichte ein als erstes am Fließband und in Massenproduktion hergestelltes Produkt und hält auch 70 Jahre später noch den Verkaufsrekord. Dieser Erfolg lockt auch weitere Automarken nach Detroit und bringt Reichtum. Die Stadt geht in die Geschichte ein als „The Motor City“. Die Bevölkerung explodiert vor allem durch einen Zuzug von Afroamerikanern aus dem Süden, die hier im Norden der Vereinigten Staaten auf Arbeit hoffen. Noch heute sind gut 80% der Einwohner Afroamerikaner. Die Stadt baut auf die Autoindustrie. Ein Fehler, denn als in den späten 1960ern die Automodelle nicht mehr so gefragt sind, setzt Arbeitslosigkeit und Kriminalität ein. Die weiße Mittel- und Oberschicht zieht im Zuge der „White Flight“ in die kleineren Vororte.

Bis heute hat die Stadt 60% seiner Einwohner von damals verloren. Obwohl die Stadt bemüht ist, Leerstand zu verhindern, stehen zahlreiche Häuser, teilweise sogar ganze Gebäude leer. 35% des gesamten Stadtgebiets ist unbewohnt, 40% der Straßenlaternen leuchten nicht mehr. Im März 2013 wurde Detroit seiner kompletten Finanzgewalt entzogen, wegen der hohen Verschuldung, die auf 18,5 Milliarden US-Dollar geschätzt wird. Die Kriminalitätsrate ist in den USA die höchste.

Aber es sind Bemühungen da. Inzwischen finden wir uns an einer Reihe von riesigen Stadien wieder, drei an der Zahl. Wie eingesetzt stehen sie mitten in der Innenstadt. An einem Baseball Stadion sehe ich ein kleines Karussell. Hier, und in der nahen Umgebung sieht es schön aus.

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Dann sehe ich in meinen Augenwinkeln eine große Gebäudegruppe. „Das ist das Headquarter von General Motors, einem der größten Hersteller von Motoren.“, bekomme ich erzählt. Die Türme sind verspiegelt und lassen ihre wahre Größe nur erahnen. Für ein paar Minuten fangen sie meinen Blick. Dann schweife ich ab, zu einem großen Bogen, der nah zum Fluss fußt. Davor wehen, natürlich, US-amerikanische Flaggen. Im Moment findet dahinter ein Jazz Festival statt, zu dem eifrig Leute drängen.

Wir fahren noch ein bisschen am Fluss, vorbei am gigantisch wirkenden General Motors Headquarter, in dem wie ich später herausfinde, auch ein Hotel ist. Mir fällt eine Hochbahn auf, nach der ich meine Gasteltern frage. „Das ist ‚the people mover‘“, bekomme ich gesagt. Ein Netz dieser Bahn zieht sich durch die Innenstadt. Eine Bahn habe ich während meines gesamten Aufenthalts nicht gesehen. Über einen kleinen Umweg finden wir wieder zurück auf die Woodward Ave. Noch einmal sehe ich die Stadien, dann die glänzende Route der Parade, dann wieder die dreckige Vorstadt einer Stadt, die mich gespalten zurücklässt.


Jonas ist als „Auslandskorrespondent“ des Gedächtnispalastes für gut zehn Monate in den USA unterwegs. Man nennt ihn auch den „transatlantischen Schwafler.“


In meinem Blog JonasJourneys erzähle ich weitere Geschichten aus meinem Austauschjahr. Dort habe ich eine Galerie mit allen Bildern, die ich in und um Detroit geschossen habe, erstellt. Hier geht es zu der Galerie!


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