Nutella: Warum Zucker nicht das wirkliche Problem ist

Wie Palmen aus Plastik eine ganz neue Bedeutung bekommt

Die Nuss-Nougat-Creme von Ferrero Nutella ist sicherlich ein fester Bestandteil vieler deutscher Frühstückstische und wird nicht nur von Kindern täglich konsumiert. Viele Studien zeigen dann gerne, wieviele Zuckerwürfel in einem Nutellaglas sind und wieviele Fußballfelder man mit denen auslegen könnte.

Mein heutiger Artikel soll keine Moralpredigt an die sein, die gerne auch mal ohne Brötchen Nutella essen – mir doch egal, wenn ihr fett werdet. Und ich möchte auch keine Diskussion führen, ob es der, die oder das Nutella heißt. Vielmehr ist das hier gar kein Artikel über Essen, sondern über Menschenrechte und Umweltschutz. Wenn ihr also ab hier weiterlest (was eure bürgerliche Pflicht ist, wenn ihr weiterhin mit mir befreundet sein wollt), dann werde ich nicht dafür haften, der Grund zu sein, warum ihr keine Nutella mehr kauft. Denn der Grund sollte etwas Anderes, Größeres sein.

Die verhängnisvolle Geschichte um Nutella beginnt im Jahr 1940, als der italienische Konditor Pietro Ferrero die Creme, damals noch als Pasta gianduja oder Supercrema gianduja, in seiner kleinen, romantischen Konditorei entwickelt. Später wird dann aus dem englischen Wort für Nuss (nut) und der italienischen, weiblichen Verkleinerungsform (-ella) der neue Produktname gebildet. Heute ist Nutella zu einem „Deonym“, einem Oberbegriff für alle Nuss-Nougat-Cremes weltweit geworden, weswegen viele Hersteller ähnliche Produktnamen wie „Nusstella“ oder „Nudoka“ wählen. Mit ihrem Auszug aus Italien auf den riesigen Weltmarkt wird die Rezeptur von Nutella mit der Zeit immer mehr so, wie wir sie heute kennen. Wikipedia sagt über die Zusammensetzung der Creme: „Nutella ist eine Nuss-Nougat-Creme des italienischen Herstellers Ferrero. Sie besteht aus Zucker, Palmöl, gerösteten Haselnüssen, Milchpulver, Kakao, Sojalecithin und Vanillin.

Inhaltsstoffe von Nutella, Verbraucherzentrale Hamburg. Bildquelle: Huffington Post

Das Problem, auf das ich hinauswill, ist Palmöl. Palmöl wird aus dem Fruchtfleisch der Palmfrüchte gewonnen und ist mit 30% Marktanteil noch vor Soja das am meisten abgebaute Pflanzenöl der Welt. Die Hauptanbaugebiete für Ölpalmen sind zu 85,4% Malaysia und Indonesien – Dritte-Welt-Länder des 21. Jahrhunderts. Das Wort „Ölkonzerne“ wird bis jetzt wohl meistens mit Bohrinseln und Raffinerien in Verbindung gebracht, die schwarzes Rohöl für die Tanks unserer Kraftwagen aus Mutter Erde herauspumpen. Die Ölkonzerne, von denen hier die Rede ist, stellen von ihrem Umsatz gesehen keinen großen Unterschied dar – und sollten auch keinen besseren Ruf haben. Die Konzerne tragen Namen wie Wilmar International, Sime Darby oder IOI Group: Namen, die wir uns vielleicht merken sollten. In den Ländern, in denen Palmen gepflanzt werden, um später aus ihren Früchten Öl zu machen, verursacht dieses pflanzliche Öl zum Einen ein riesiges ökologisches Problem: Tausende Hektar Regenwald werden von den Ölkonzernen gerodet, um die Palmen anbauen zu können. Zum Beispiel in Malysia und Indonesien, wo bald neue Gebiete zum Anbau „erschlossen“ werden sollen. Der größte Teil der neuen Anbaugebiete soll einen der größten Regenwälder beanspruchen: Auf der Insel Borneo. Gerüchte sprechen von gezielten Brandstiftungen in Wäldern, von Vertreibungen indigener Völker aus ihrem Lebensraum, alles von den großen Palmöl-Herstellern inszeniert. Die Justiz geht diesen Fällen zwar hinterher, müsste aber viel hartnäckiger und konsequenter sein, und lässt den betroffenen Firmen zu viel Spielraum, um selbstständig zu ermitteln und Beweise zur eigenen Entlastung vorzulegen. Bühne dieser Begebenheiten sind Länder, in denen Korruption bei der Polizei leider keine Seltenheit ist – ein schier unlösbares Problem. Hinzu kommen soziale Missstände: Arbeiter werden oft monatelang nicht bezahlt, oft wird von Kindern berichtet, die auf den Plantagen Fronarbeiten leisten müssen. Alle sozialen und ökologischen Verbrechen konzentrieren sich in verboten hoher Form auf den Palmölplantagen Südostasiens.

Nun trifft es sich nicht so gut, wenn Nutella Palmöl enthält: Und das nicht wenig. Ferrero ist, wenn es um Rezeptur und Gewinnmöglichkeiten von Nutella geht, wenig transparent. Der Konzern gibt auf den Gläsern keine genauen Angaben zum Palmölanteil, auch im Internet säen sich die Informationen dazu nur spärlich. Fest steht: Ferrero verwendet rund 185 000 Tonnen Palmöl jährlich – wieviele Fußballfelder das sind, möchte ich gar nicht wissen.

Nun werden informierte Leser sagen: Moment! Da gibt es doch dieses Siegel auf dem Nutella-Glas. Das ist zertifiziert! Also: Alles paletti, alles bio, alles fair und menschenfreundlich abgebaut.

Richtig: Hersteller von Palmöl können ein sogenanntes „RSPO-Siegel“ beantragen. RSPO zertifiziert dem Palmöl dann menschenfreundliche Herstellung, ökologische noch dazu.

Das RSPO-Logo, das wir auf vielen Produkten finden. Eine große Lüge. Bildquelle: abenteuer-regenwald.de

Falsch daran: Auch RSPO ist, laut Rettet den Regenwald kein Kennzeichen für „Alles paletti, alles bio“ und so weiter. RSPO-Partner betreiben nämlich erwiesenermaßen auch Regenwaldrodungen und kümmern sich nicht die Bohne darum, dass keine Torfmoore trockengelegt werden. Der Organisation werden Monokulturen vorgeworfen, das heißt, dass sie immer nur dasselbe auf denselben Agrarflächen anbauen. Noch viel schlimmer: Man konnte auch RSPO-zertifizierten Firmen nachweisen, indigene Völker und natürlich auch Flora und Fauna aus dem Regenwald mit Gewalt vertrieben zu haben.

Obwohl auch Nestle und Unilever Palmöl verwenden, ist keine Firma so vehement darin, das Pflanzenfett zu verteidigen wie Ferrero. Der „heimliche“ Grund dafür: Palmöl ist mit Abstand der billigste Inhaltsstoff in Nutella, kein Wunder warum Ferrero also so viel davon verwendet.

Das Bundesamt für Gesundheit hatte bereits 2015 vor dem Inhaltsstoff Palmöl gewarnt, mehrere Studien haben bewiesen, dass Palmöl gesundheitsschädlich für den menschlichen Körper sein kann. Dass Palmöl noch nicht offiziell als „krebserregend“ eingestuft worden ist, liegt vermutlich daran, dass einige Studien, die das Gegenteil behaupten, von Ferrero finanziell „begünstigt“ wurden.

Doch welche Alternativen gibt es für Leute, die sich ein Leben ohne schmierige Schokolade auf dem Frühstücksbrot einfach nicht vorstellen können? Nicht viele. Kürzlich hat auch die ALDI-Nutella „Nusskati“ Palmöl zu ihren Inhaltsstoffen hinzugefügt. Natürlich immer mit RSPO-Siegel. Die DDR-Nutella „Nudossi“ enthält zwar auch Palmöl, bietet aber als scheinbar limitierte Edition eine palmölfreie Version an. Die kostet dann aber gleich einen Euro mehr. Keine der namehaften Hersteller ist dazu bereit, ganz auf das Pflanzenfett zu verzichten. Nutella enthält neben Palmöl nur 13% Haselnüsse, nur knapp über der von der EU vorgeschriebenen Grenze von 10%. Eigentlich könnte Nutella sich also das „Nut“ sparen und sich in „Palmella“ umbenennen – das wäre wenigstens ehrlich. Es gibt palmölfreie, vegane Produkte, die leider aber ziemlich teuer sind, designed sind wie Medizin für Diabetiker und leider auch im Geschmack nicht allzu viel hermachen.

Die einzige echte Alternative ist wohl, seine Nutella selbst zu machen. Und ja: Mit echten Haselnüssen. Ohne Palmöl. Und echter, wirklich fair gehandelter Schokolade. Das wäre dann ohne Konservierungsstoffe und müsste vielleicht im Kühlschrank aufbewahrt werden. Oh nein. Oh doch! Dauert eventuell ein bisschen länger, als einfach nur das vertraute Glas aus dem Regal des Discounters zu greifen, rettet aber so Einiges: Den Regenwald, die Orang-Utans. Menschenleben.

Was wir heute im Hambacher Forst so schockierend finden, passiert seit Jahren jeden Augenblick in den ehemaligen Regenwäldern Malaysias. In tausendfacher Ausführung. Was 1940 begann muss spätestens 2019 enden. Sagt jetzt bloß nicht, Boykott bringe nichts. Ich glaube, dass das schon was bringt. Und irgendwer muss ja damit anfangen. Deswegen stoßt euren lautesten Kampfschrei aus und stürmt mit mir in die Küche zum Herd. Lasst uns unser eigenes Nutella – jetzt unter dem Namen Futurella (die kleine Zukunft)- machen. Für uns alle. Für eine bessere Welt. Zusammen! Amen.


Rezept für eigene Nutella ohne Palmöl

Zutaten:

150 g Milch
120 g Zucker
80 g Butter
1 Pck. Vanillezucker
150 g Schokolade, z. B. 1/3 Zartbitter und 2/3 Vollmilch
100 g Haselnüsse, gemahlen

Zuerst die Milch und den Zucker in einem Topf aufkochen lassen. Dann kommt die Butter hinzu.
Schokolade im Topf schmelzen lassen. Zuletzt die Haselnüsse unterrühren. Abkühlen lassen, dann dickt die Creme auch etwas an.

Quelle: Nutella selber machen


Einzelnachweise:


Songs zum Text:


Thies ist Mitbegründer des Gedächtnispalastes. Und ab und zu platzt ihm in einem seiner Artikel der Kragen. Wäre er berühmt, hätte er sich mit Sicherheit schon die ein oder andere Klage eingehandelt.


Folge dem Gedächtnispalast jetzt auch auf Instagram, Tumblr, Twitter oder per E-Mail, um keinen Beitrag mehr zu verpassen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s