Leere Blicke und blutende Herzen

Niemand kann mich leiden, niemand hat mich lieb.
Ich bin allein, ich versinke in meinem Kummer, meinem Selbsthass und tauche ab in tiefste Finsternis.

Längst bin ich schon ertrunken, tausend Tränen hab ich geweint.
Lange halt ich das nicht aus, schlag mir die Nächte um die Ohren.
Bald, bald, da schlaf ich ein, werde ich dir fehlen, wirst du um mich weinen?

Montag Abend, 01:12 Uhr.
Ich kann nicht schlafen, verschlinge meine Prinzenrolle und tauche in die zauberhafte Instagram Welt.
So gut wie jeden Abend sehe ich mir die Profile meiner Follower an, lese aufmerksam ihre selbstverfassten Beiträge und lese einige Gedichte laut, um den Sinn richtig zu erfassen.
Sehr viele Gedichte schmecken traurig, düster die Worte, schal der Geschmack.
Sie erzählen von Kummer und Hass, Verzweiflung und Wut. Künden von gebrochenen Herzen, Hoffnungslosigkeit und gebrochenen Seelen.
Aus purer Neugier klicke ich auf den oft verwendeten Hashtag #depressionen und finde Menschen, die am Rande des Abgrunds stehen und verzweifelt um Hilfe schreien, obwohl sie wissen, dass sie Niemand hört.
Bilder von frischen Narben, tränenden Augen und leeren Blicken schmücken meinen Feed und ich muss schlucken, als ich mir die Profilbeschreibungen durch lese.
Zwei Mädchen, 15 & 16 J., Suizid, 4 Selbstmordversuche, 4 Selbstmordversuche
17 y/o girl, Borderline, Depressionen, Selbstverletzung

Im Rahmen des Weltsuizidtages am 10. September verfasst der Tagesspiegel einen warnenden Artikel, hier ein kleiner Auszug mit erschreckenden Zahlen:

“Selbsttötung ist in Deutschland nach Verkehrsunfällen die zweithäufigste Todesursache junger Menschen zwischen 15 und 20 Jahren. In den vergangenen zehn Jahren nahmen sich nach Angaben der Telefonseelsorge Berlin jedes Jahr in Deutschland mehr als 600 Jugendliche das Leben. Allein in Berlin gab es nach Auskunft der Beratungsstelle „Neuhland“ zum Beispiel 2011 insgesamt 353 Suizidtote, davon waren 20 Menschen unter 25 Jahre jung. In ganz Deutschland waren es 10.000 Selbsttötungen. Die Menschen setzten ihrem Leben wegen Liebeskummers oder nach Missbrauch ein Ende – rational geplant oder als Verzweiflungstat. Sie wussten keinen Ausweg mehr, weil sie in der Schule wegen ihres Aussehens gemobbt wurden oder nachdem sie sich in Mitschüler desselben Geschlechts verliebten. Manche Opfer nahmen Drogen, hatten Depressionen, flüchteten sich in Internetchats, ins virtuelle Dasein. […] wenn ein spektakulärer Suizid Schlagzeilen macht wie 2009, als sich Nationalfußballtorwart Robert Enke vor einen Zug warf, schnellen die Zahlen in die Höhe. Wegen dieses Nachahmereffekts machen Sicherheitsbehörden, Verkehrsbetriebe und die Medien Selbsttötungen in der Regel nicht öffentlich.“
(https://www.tagesspiegel.de/berlin/vor-dem-suizid-beschuetzen-jedes-jahr-nehmen-sich-600-jugendliche-das-leben/8741862.html)

Wie sehr hätte es euch geholfen? Ein Wort, ein Denkanstoß, ein Anfang. Thema Depressionen, ach übrigens, schon mal gehört?
Ja, Tatsache. Schon mal gehört, schon mal erlebt, schon mal durchlebt, immer wieder verloren, endlich gewonnen und überlebt. Niemand redete, niemand erklärte, alle starrten. Jugendlich, allein, ein Kind. Viele Kinder, gleiche Schmerzen und gleiche Sorgen. Furcht und Not, überschminkt und versteckt, Krankheit ist schlecht. Anderssein ist nicht cool, nicht hip. Die selbsthassende Stimme in euren Köpfen flüstert, versprüht ihr tödliches Gift, doch eure Münder lächeln. Ihr erhaltet die Illusion eines glücklichen Teenagers. Verdeckt die Hilflosigkeit eines Kindes. Eines einsamen Kindes, das nicht allein ist. Nie allein war.
Du, da neben mir in der Bahn. Lächelst so schön, doch deine Augen sind tot. Gestorben durch Pein und Leid. Wem schüttest du dein Herz aus? Wer redet mir dir? Redest du überhaupt? Oder schluckst du nur? Watest durch den Schlamm und die Scheiße, die das Leben dir beschert, doch vertraust dich keinem an.
Siehst du mein Lächeln? Ich bin für dich da, auch wenn wir uns nicht kennen. Sprich mich an, schreib mir eine Nachricht, halte dich an mir fest.
Ist doch egal, dass ich nicht weiß wer du bist, ich will dir trotzdem helfen, sind wir doch alle Menschen, die durch Dick und Dünn gehen, die einen mehr, die anderen weniger.
Ich weiß, es klingt schal und abgenutzt, aber alles wird gut, die Zeit heilt deine Wunden, sie wachsen zu und auch wenn sie nie ganz verschwinden, dir wird es besser gehen.
Mittlerweile ist eine Stunde vergangen und ich werde langsam müde.
Bevor ich meine Augen schließe, denke ich an all die Menschen, deren Hilferufe Niemand hört und nehme mir vor, morgen jeden einzelnen Menschen mein schönstes Lächeln zu schenken, in der Hoffnung, dass es auch nur einer Person das Gefühl der Einsamkeit nimmt. Wenigstens für einen Moment.

Ich sehe euch, ihr seid nicht unsichtbar.

Siehst du sie auch?
Gute Nacht, Maria

P.S. Bei @thread.bxddies findet ihr einen sehr berührenden Beitrag zu diesem Thema, den ich am Liebsten um die ganze Welt schicken möchte.

Telefonseelsorge: https://www.telefonseelsorge.de/

Advertisements

2 Gedanken zu “Leere Blicke und blutende Herzen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s