Rezension „Weiße Rose“

Im Herbst diesen Jahres musste man dabei zusehen, wie der Rechtspopulist Björn Höcke in Chemnitz ein Symbol für seine Machenschaften instrumentalisierte. Er trug eine weiße Rose auf der Brust, ein Zeichen für den Widerstand gegen das Naziregime in den 1940ern. Höcke aber trug es über seinen Herzen, als er einen so genannte „Trauermarsch“ anführte, der zu pogromartigen Zuständen ausartete und bei dem unzählige bekennende Neonazis mit marschiert sind.

Aus diesem Grund hat sich das Theater Chemnitz gedacht, dass man aufklären muss, dass die Rose in weißer Farbe nicht für das steht, was Höcke zeigen wollte, sondern sich gegen das richtet, was in Chemnitz passierte. Das Theater Chemnitz bezog eine klare Stellung gegen Rechts und nahm die Kammeroper von Udo Zimmermann in den Spielplan auf. Binnen sechs Wochen inszenierte es der Jungregisseur Nils Braun, ein Kampf gegen die Zeit für alle Beteiligten. Keiner hat geglaubt, dass man im November in der Musikschule Chemnitz Premiere feiern kann, doch es funktionierte. Die Aufführung wird durch einen Förderverein für Schüler finanziert.

Auf eine sehr intensive Art und Weiße beschreibt das Stück den 22.Februar des Jahres 1943. Der Zuschauer wird Gast in der letzten Stunde von Sophie und Hans Scholl. Eine Situation, die keiner der Anwesenden erlebt hat, wird hier auf die Bühne gebracht. Das Libretto besteht vor allem aus Tagebuch Einträgen und Briefen der Widerstandskämpfer, ebenfalls spielen viele Zitate eine gewaltige Rolle.

Die Bühne, deren Ausstattung Rebekka Bentzen übernahm, gestaltet sich beeindruckend minimalistisch. Es handelt sich um drei weiße Papierwänden und einen doppelten Boden. Gerade für die atemberaubende Lichttechnik, ist diese Gestaltung von immensen Vorteil.

Hans (Andreas Beinhauer) ist vollkommen weiß gekleidet, so auch Sophie Scholl ( Katharina Baumgarten). Das Geschwisterpaar verschmilzt beinahe mit der schlichten Bühne.

Die Anfangsminuten sind geprägt von Stille, eine Stille die bedrückt und das Publikum unruhig macht. Immer wieder wird die Lautlosigkeit von hallenden Schritten zerrissen. Wenn Schuhe auf dem Boden treffen beginnen beide Darsteller sich zu bewegen, sonst verharren sie,wie Statuen aus Salz auf ihren Platz. Die Haupthandlung beginnt Tönen, die durch Mark und Bein fahren, Töne, die versuchen wollen die Emotionen von den Scholl Geschwistern darzustellen. Ein kurzer Satz von Hans lässt das Spektakel endgültig beginnen. Und damit auch die letzte des Lebens, die einen inneren Kampf symbolisiert. Musik, Gesang und Schauspielleistung repräsentieren dies in einem aufpeitschenden Fasson. Mark Brenner, leitet seine Musikanten zu Höchstleistungen an. Oft verschwindet der komplette Gesang unter den kraftvollen Klängen des Orchesters, dass aus Violine, Bratsche, Flöte (Alt und Piccolo), Horn, Klavier und einem Schlagzeug besteht. Aber Beinhauer und Baumgarten können das auch. Ihre Stimmen gehen oft an die Grenzen des Möglichen und für den Publikumsgast wird es fast unerträglich. Eine schöne Feinheit zu beschreiben, wie sich der Schmerz, die Frustration und das Unverständnis anfühlen.

Die Ausfechtung beider Schicksale ist anfangs verwirrend, da weder Hans noch Sophie mit einander agieren zu scheinen. Sie führen die Dialoge aneinander vorbei und nutzen dennoch den anderen als Stück der eigenen Geschichte. Sie lassen teilweise ihr Leben, mit Erlebten Revue passieren.

Je mehr das Stück auf das Ende zu geht, desto imposanter und beängstigender wird die Musik und das Schauspiel. Die unausweichliche Lage in der sich beide befinden wird immer erdrückender. Das Bühnenbild, welches aus gutem Grund aus Papier gestaltet ist, wird genutzt um Zitate darauf zu schreiben. Immer härter der Kampf. Am Ende werden die Wände aus Papier mit der schwarzen Kohleschrift zerrissen. Ja man reißt förmlich die Mauern und Begrenzungen ein, als beide Charaktere aus ihrer Zelle treten um Flugblätter zu erschaffen. Die Schriftstücke und Papierfetzen werden an das Publikum verteilt. Zurück in der Gegenwärtigkeit werden die „Schreckenstaten“ beider verlesen, das Urteil fällt, beide sterben. Hans fragt noch nach dem Freitod, der ihm als Ex-Soldat gewährt ist, doch diese Möglichkeit ist verwirkt. Das Stück endet.

Das Publikum ist in Ekstase und völlig begeistert. Das Stück, ein Meisterwerk. Größtes Lob gilt den Mut aller Beteiligten sich öffentlich so direkt gegen Nazis und Faschisten zu stellen. M.P. Schurt

Bildquelle: Theater Chemnitz

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