1 Thema, 2 Farben

Christian Lindner: Der Ausrufer des Innovationszeitalters, der sich die Digitalisierung, propagiert durch schwarz-weiß-gelb-magenta Werbeplakate, mutmaßlich vor allen anderen, auf die Fahnen geschrieben hat, hat jetzt einen Podcast? Ja.

Der junggebliebene Vordenker Lindner scheint zur Zeit ein Genre des Internets für sich zu entdecken, das immer mehr Persönlichkeiten geschickt nutzen, um sich und ihre Standpunkte auf eine intelligente Weise dem Zuhörer ins Ohr zu flüstern. Von einigen spöttisch als „Anne Will der Zukunft“ angelaufen, ist nicht zu leugnen, dass Podcasts immer mehr an Beliebtheit und Aufmerksamkeit finden. So einfach und ehrlich scheint es doch, wenn sich meist zwei Authentizitäten des Internets for einem Mikrofon einen Gedankenaustausch liefern.

Christian Lindners Ausgabe ist da keine Ausnahme. So herrlich unverstellt scheint Lindner, der seine Ideen, vielleicht ein wenig dem Umstand gewidmet, dass er Politiker ist, manchmal fast in Redenform präsentiert. Wie authentisch, spontan und locker er dabei ist? Schwer zu sagen. Ob man ihm abkauft, dass er in Problemen nur dornige Chancen sieht und den Inhalt, den er predigt an vorderste Stelle stellt? Vielleicht fühlt es sich manchmal dabei mehr so an:

Im liberalen Sinne heißt „liberal“ nicht nur „liberal“.

-Loriot

Der 26. November: Die erste Folge des neuen Podcasts von Christian Lindner erscheint, die erste einer neuen Reihe. „1 Thema, 2 Farben“ heißt der neue Podcast, den es auf so ziemlich allen Streaming Anbietern zu hören gibt. Was sofort auffällt: Der Podcast selbst erscheint im Namen von Christian Lindner. Der Person Christian Lindner. Nur das Coverbild des Podcasts ist mit dem Logo „Freie Demokraten – FDP“ geschmückt.

Ein breites Lindner Gesicht, ernst in die Kamera schauend, schmückt das Cover des Podcasts.

Zumindest mich verwirrt das zu anfangs. Ist der Podcast nun von Christian Lindner oder der FDP? Ist Christian Lindner die FDP? Eine berechtige Frage, schaut man sich die Entwicklung der Partei einmal an. Immer mehr wird die FDP zum „One Man Project“, der Führungskopf bestimmt das Auftreten der ganzen Partei. Auch im Podcast wirkt Lindner dominierend.

In der ersten Folge ist Frank Thelen zu Gast. Der Unternehmer, bekannt unter anderem aus der TV-Show „Die Höhle der Löwen“, in der Unternehmer in frische Startups investieren. Damit scheint Christian Lindner sich als ersten Gast nicht nur einen FDP-nahen, sondern auch einen Gleichdenkenden in den Podcast geholt zu haben. In fast sämtlichen Gesprächsthemen herrscht Konsens und die Themen selbst wirken wie aus einem gelb-magenta Parteibuch abgelesen.

Frank Thelen hat einen unterhaltsamen Gesprächsmodus angenommen, wo Lindner noch zu sehr in einem Modus verharrt, den er vermutlich in Interviews oder Talkshows auffährt. Die Gesprächsthemen werden von beiden als sehr ernst suggeriert, der Zuhörer bekommt das Gefühl, ein wichtiges Stück Politik, was sonst unterbelichtet ist, gerade an eigener Haut mitzuerleben. Vielleicht sind die Themen Digitalisierung und Wirtschaft einfach zu unkontrovers, als das man sie mit zwei Farben beleuchten kann. Von der ersten Podcastfolge bin ich deshalb nicht überzeugt. Zu sehr fühle ich mich angeworben, zu viel Konsens über unumstrittene Themen, die mir zwar wichtig sind, aber über die ich gerne eine Debatte, anstatt ein Ballspiel gehört hätte. Lindner überzeugt nicht.


Die zweite Chance

Als ich den Namen des Gasts erfahren habe, den Lindner in der zweiten Folge seines Podcasts empfängt, habe ich mir zugegebenermaßen Hoffnungen gemacht. Mit Dietmar Bartsch kommt in der Folge „Brauchen wir einen Systemwechsel, Dietmar Bartsch?“ zwar kein Gegner, aber zumindest ein Konkurrent Lindners vor das Mikrofon. Worüber in dieser Folge gesprochen wird, ist vermutlich jedem klar, der sich dessen bewusst ist, das Dietmar Bartsch Fraktionsvorsitzender der Linken im Bundestag ist. Es werden Grundsatzdiskussionen über Sozialsicherung und -marktwirtschaft geführt, natürlich wird dabei stets höflich geblieben und es werden keine offensichtlichen Streitereien geführt. Die Folge fängt sogar verwirrend versöhnend an. Christian bietet Dietmar das Du an, es werden sich Zugeständnisse gemacht. Was danach jedoch folgt, verschlägt mir an einigen Stellen den Atem. Lindner scheint bewusst unbewusst Grundsatzfragen aufzuwerfen, die Bartsch dazu verleiten, teilweise minutenlange Monologe für Rechtfertigungen seiner Politik und Partei zu vergeuden. Eine Metapher die immer wieder fällt, ist der „vegetarische Schlachthof“ – ein Zufall? Lindner sticht mit einer rhetorischen Gewalt zu, die nicht nur mich fassungslos stehen lässt, sondern auch Dietmar Bartsch dazu bringt, von einem „Die-Linke-Modell“ zu einem „Christian Lindner-Modell“ zu wechseln. Vermutlich der Inhaltslosigkeit Bartschs bewusst, hält sich Lindner diesmal zurück und lässt antikapitalistischsten Ideen und der Infragestellung des gesamten Steueraparates Raum.

In dieser Folge wird der Zuhörer Zeuge eines Christian Lindners, der rhetorisch die Oberhand behält und sich gegen einen sich selbst in fragestellenden Dietmar Bartsch spielend als Sieger herausstellt.


Wer war noch gleich…?

Miriam Meckel. Folge 3.

Die dritte Folge des Lindner Podcasts lässt mich gespalten zurück. Miriam Meckel, Herausgeberin der „Wirtschaftswoche“, ist sowohl auf der einen, als auch schon auf der anderen Seite eines Pressepults gewesen. Zur Zeit engagiert sich die 51-Jährige sehr für ein Deutschland, das digital wieder Anschluss an den Weltmarkt gewinnen will, das wird vor allem in der zweiten Hälfte der Podcastfolge deutlich.

Den Lebenslauf der Journalistin nimmt Lindner zum Anlass, den Trend der Politik als Ganzes einmal in den Fokus zu rücken. Dabei unterstellt er unterschwellig, viele Journalisten interpretieren in Entscheidungen oder Aussagen von Politikern mehr hinein, als eigentlich dahinter steckt. Einen interessanten Twist nimmt das Gespräch, als Meckel Lindner auf den Jamaika-Ausstieg anspricht. Wie viel Spontanität und wie viel Plan steckt in der Aussage, die Lindner damals getroffen hat?

Es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren.

– Christian Lindner

Lindner weicht aus, antwortet, aber irgendwie auch nicht. Er lenkt das Gespräch weg zu der Person Miriam Meckel und nimmt eine interviewende Rolle ein, eine merkwürdige Gesprächsführung, an die ich mich erst einmal gewöhnen musste.

Am Ende der Folge bin ich gespalten. Ich kann nicht sagen, ob Lindner oder sein Gast mich mehr überzeugt haben. Oft herrschte Konsens unter beiden und es wurde nicht viel Meinung zugelassen. Viel mehr hat der Zuschauer in dieser Podcast-Episode, die wirklich aus der Reihe zu scheinen fällt, Informationen über Gehirn-Implantate und -Vernetzung erfahren. Schade ist dabei, dass über die doch eigentlich zukunftsrelevanten Themen kein Bogen gespannt werden konnte, der auch für den Politiker Christian Lindner, der ja eigentlich der Grund ist, weshalb Menschen den Podcast hören, von Bedeutung ist. Meckel überzeugt durch schieres Wissen, Lindner ist auch noch da.


Fazit (opinion ahead): Ein Podcast, von dem ich nicht weiß, was er zu bedeuten hat, hat in der letzen Woche meine Aufmerksamkeit erregt. Ist er ein Versuch, Christian Lindner zu sympathisieren? Ist er nur ein weiteres Symptom der wachsenden Podcastszene, in die Lindner mal einen Fuß setzen wollte? Und ist das gut oder schlecht?

Ich finde, dass man Podcasts von Politikern, genau wie jeden anderen Output mit Vorsicht genießen sollte. Obwohl im Titel eine reflektierte Umgangsweise versprochen wird, habe ich an einigen Stellen das Gefühl, das eben dadurch der Zuhörer einseitig bearbeitet wird.

Was passiert, wenn die, zum Teil vor fünf Jahren noch da gewesene, Schicht von Presse zwischen uns und der Politik sich in Luft auflöst? Es wird zur Folge haben, dass Rhetorik Meinungen stärker formen wird als Fakten. Damit sind nicht nur Leichtgläubige leichte Opfer von vorgefertigten Meinungen, sondern selbst die Presse selbst stürzt lieber auf den neuesten Skandal eines Politikers, als auf wirklich Bewegendes. Uns allen steht eine Zeit bevor, in der wir wieder mehr nachdenken müssen, bevor und während wir Medien konsumieren, in welcher Form auch immer. Das ist nicht immer ganz bequem und schon gar nicht einfach, aber sicherlich wichtig, um uns in Zukunft nicht falsch beeinflussen zu lassen.


Jonas ist Mitbegründer des Gedächtnispalastes und derzeit der GP-Autor, der sich (zumindest physisch) am nächsten an US-Präsident Trump befindet.

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s