Von der Kunst, Schlange zu stehen

Geschäftiges Murmeln. Besteck klappert, rege Gespräche erfüllen den großen Saal. Mägen knurren, Münzen klimpern in Hosentaschen. Jede*r ist aus einem ganz bestimmten Grund hier: Aus Appetit auf (wirklich!) gutes Kantinenessen. Alle stehen in der Schlange, sie stehen an, um einen Teller Mittagessen zu kaufen. Auch meine Freunde stehen dort, in der Schlange. Wir sind nicht sehr gesprächig, wir sind hungrig und werden erst anfangen zu reden, wenn wir das Essen auf dem Tisch haben.

Eigentlich ist es doch etwas sehr Kindliches, in einer Schlange zu stehen. Grundschulkindern wird das so beigebracht, man stellt sich der Reihe nach an, man drängelt sich nicht vor, das gehört sich nicht. Jedes Mal, wenn ich einen Bus nehmen muss, mit dem auch Grundschüler*innen fahren, ringe ich mit mir. Da stehen Kinder der ersten und zweiten Klasse brav in einer Reihe, während ich mit einsneunzig Körpergröße danebenstehe. Ich fühle mich dann immer undiszipliniert, ein schlechtes Vorbild. Manchmal überlege ich kurz, mich auch anzustellen, mitten in die Reihe laufender Meter. Ich bin schon groß, denke ich mir dann, ich brauche mich nicht mehr in die Schlange zu stellen.

Dabei ist es doch eines der erwachsensten Dinge, die es geben kann. Sich anzustellen, das gehört wohl zu den alltäglichsten Situationen des Lebens. Wir stehen überall an, in der Bank, beim Bäcker, am Flughafenschalter. Wir schwitzen in der Sonne, wenn wir für ein Eis anstehen. Wir schauen auf unsere Uhren und rollen genervt mit den Augen, wenn wir auf der Behörde für ein wichtiges Dokument anstehen.
In der Schlange sind alle Menschen gleichberechtigt. Jeder kommt dann an die Reihe, wenn vor ihm keine Menschen mehr stehen. Das Prinzip ist knallhart. Denn hier heißt Gleichberechtigung nicht gleich Chancengleichheit. Wenn man zu weit hinten steht, ist die Chance, noch genau diesen einen Donut mit violetten Streuseln und Schokoglasur zu bekommen, relativ gering. „Hart aber gerecht, Baby“ liegt mir auf den Lippen. Oder man hält es wie Michail Gorbatschow.

Michail Gorbatschow in Ost-Berlin, 1989
Quelle: https://www.welt.de/geschichte/article132968291/Gorbatschow-hat-den-beruehmten-Satz-nie-gesagt.html

Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.

Michail Gorbatschow, Ost-Berlin 1989

Dass Gorbatschow das so nie gesagt haben soll, lassen wir hier einmal außer Acht. Das heutige In-Der-Schlange-Stehen unterscheidet sich ein bisschen von dem, was es in vergangenen Zeiten darstellte. In Berlin-Kreuzberg steht man heute manchmal bis zu zwei Stunden in der Schlange, nur um mit „Mustafas Gemüse-Kebab“ den angeblich besten Döner Berlins zu ergattern. Die ewige Schlange von Menschen zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten, alle Herrschaftsysteme, alle Epochen der Geschichte, anstehen konnten die Leute schon immer.

Schlange vor „Mustafas Gemüse-Kebap“ in Berlin-Kreuzberg
Quelle: https://www.bz-berlin.de/berlin/friedrichshain-kreuzberg/phaenomen-riesen-schlange-warum-wollen-alle-zu-mustafas-gemuese-kebap

Entschuldigen Sie! Lassen Sie mich bitte durch, ich bin Arzt! Hallo? Ich bin Arzt! Dankeschön.

Zwei Kugeln Vanille, bitte!

Michael Kessler

Auch das Internet selbst ist Antwort des Kapitalismus auf das romantische Prinzip des In-Der-Schlange-Stehens: Mit jedem Onlineshop wird es zerstört. Hier steht niemand an, hier riecht es weder nach Schweiß noch nach neu gekauften Klamotten.

Trotzdem kann man sich vorstellen, dass die ganze Romantik einen Haken hat. Menschen haben nicht immer angestanden um, wie wir, die neuesten Konsumartikel zu kaufen. Als es noch zwei Deutschlands gab, standen hier im Osten, hinter dem antifaschistischen Schutzwall, viele Leute an. Für Apfelsinen oder Bananen. Baumaterial oder Kaffee. Oder an diesem einen Abend, als die Menschen nicht anstanden, um etwas zu kaufen. Keine Banane wäre das wert gewesen. Sie standen in der Schlange, um Freiheit zu bekommen. Damals, am neunten November ’89. Sie standen dort mit Kerzen. Für ein einiges Deutschland, so dachten wir jedenfalls lange.

Bildergebnis für schlange ddr
Eine Schlange vor einer Fleischerei in der DDR, 80er-Jahre
Quelle: https://www.pinterest.at/pin/317503842464397436/

In der Geschichte gab es auch Schlangen, an deren Ende man nichts bekam. Etwas wurde den Menschen dort genommen. Hinter’s Licht geführt. Ja, wirklich weit weg von jeglichem Licht. Denn die Sonne schien nicht, wie in der Schlange vor der Eisbude. Männer standen dort, Frauen und Kinder. Niemand drängelte. Vermutlich wussten einige, dass das, was sie erwartete, keine warme Dusche nach langer Reise war. Sondern das Verderben. Man nahm diesen Menschen am Ende der Schlange ihr Leben, das Letzte, nachdem die Würde schon genommen worden war. In Gaskammern und Folterwerkstätten raffte man sie dahin, obwohl man ein paar Jahre zuvor noch selbst mit ihnen in der Schlange gestanden hatte – vielleicht, um ein Eis zu kaufen.

Ich bin mir sicher, das Anstehen wird nicht aussterben – dafür ist die Methode zu einfach, der Ertrag daraus zu offensichtlich. Auch in der Zukunft werden Leute in der Schlange stehen, vielleicht auch aus nicht erfreulichen Gründen. Erst kürzlich fiel mir diese Textstelle in Maja Lundes neuestem Roman „Die Geschichte des Wassers“ auf:

In den letzten Jahren war alles rationiert worden. Wir standen für einen Liter Milch an. Für ein Stück Fleisch. Für eine Tüte Äpfel, für alle anderen Obstsorten. […] Irgendwann hatten wir es uns zur Gewohnheit gemacht, Schlange zu sitzen.

Maja Lunde in „Die Geschichte des Wassers“, btb 2017

In dem Buch ist das Hauptthema eine lang anhaltende Dürre, einer Folge des Klimawandels, die jegliches Wasser und die Lebensgrundlagen der Menschen verschwinden lässt. Man steht in der Schlange, um nötigste Lebensmittel oder medizinische Hilfe zu bekommen. Eine schöne Vorstellung?

Ich kann nicht von mir behaupten, besonders gerne irgendwo anzustehen – dazu verliehen mir meine Gene wohl eine zu große Ungeduld. Trotzdem gehört es auch für mich dazu und ist ein erneuter Beweis dafür, wie ähnlich alle Menschen sich sind. Solidarisch stelle ich mich gerne neben alle, die nicht so gerne Schlange stehen. Pardon, natürlich stelle ich mich hinter sie. Denn Vordrängeln, das gehört sich nun wirklich nicht!


Thies ist mit Jonas Chefredakteur des Gedächtnispalastes. Manchmal ist er dann nicht nur Kopf hinter dem Ganzen, sondern schreibt auch selbst.


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