Jung, talentiert, der Kindheit beraubt – Astrid Lindgren

Vor zwei Wochen machte ich mich auf, in eines der schönsten Kinos, der grauen Stadt, die gar nicht grau sein möchte. Mein Vorhaben war es, mir im Clubkino, dem Weltltecho in Chemnitz, den Film „Astrid“ anzusehen. Ein für die alternative Szene in Chemnitz typisches Ambiente hat mich erwartet.

Und langsam füllte sich der Kinosaal. Es war ein kleiner Kinosaal, der Platz für maximal 25 Personen beherbergte. Langsam wurde das Licht dunkler und der Film begann direkt, keine Werbung, kein nervtötender Eismann (der nie etwas verkauft) der Film lief einfach los.

Alleine diese besondere Geste überwältigte mich, ein viel intensiveres Gefühl lösten aber die Bewegt-Bilder in mir aus.

Astrid ist ein 2018, unter der Regie von Pernille Fischer Christensen, erschienener Schwedisch-Dänischer Film. Das Drehbuch floß aus der Feder des dänischen Kultautors Kim Fupz Aakeson und handelt von den Jugendjahren der der wohl bekanntesten und besten Kinderbuchautorin:

Astrid Lindgren.

In der ersten Szene sieht man die stark gealterte Weltliteratin (Maria Fahl Vikander) an ihrem Schreibtisch sitzen. Mit einem Brieföffner schlitzt sie die Umschläge von Grußkarten, selbstgemalten Bildern, Fragen und schönen Worten aus Kindermündern auf. Ihr Geburtstag wird dargestellt. Die Handlung erlebt in unregelmäßigen Abständen Unterbrechungen, in welchen der Zuschauer wieder in den Raum der ersten Bildsequenz geführt wird.

Auf einem der Kirche gehörenden Bauernhof wachsen Astrid (Alba August) und ihre Geschwister in einer typisch schwedischen Gegend auf. Ausgeprägte Nadelwälder und eine malerische Landschaft geben dem Film bereits ab der ersten Sekunde den besonderen Flair, den er bis zur letzten Minute beibehält.

Ihr Talent, Worte auf Papier tanzen zu lassen entdeckte man bereits recht früh. Nachdem ihr Aufsatz über das Leben auf dem Hof in der örtlichen Zeitung zum Besten gegeben wird, bietet der Chefredakteur, Reinhold Blomberg, gespielt von Henrik Rafaeles ihr ein Volontariat an. Dieses nimmt sie an und kümmert sich vorerst nur um das Korrekturlesen von Artikeln. So wie die Verantwortung steigt, so steigt auch die Zuneigung von Astrid und Reinhold. Aus den anfänglichen Scheckeiern entwickelt sich in kürzester Zeit eine sehr ernste Sache. Blomberg setzt der jungen, talentierten Frau ein Kind in den Buch. Von nun an beginnt eine der schwersten Zeiten für die Frau, die den Weg der Emanzipation leidet. Blomberg verspricht ihr Sicherheit und nun droht ihm Gefängnis wegen Unzucht. Der Ruf der Familie von Astrid steht in Gefahr, enorm geschädigt zu werden.

Sie beschließt, eine Ausbildung zur Sekretärin in Stockholm zu beginnen. Wie sie ihr Kind zu Welt bringen kann, ohne dass der Vater bekannt wird ist ihr noch nicht klar. Astrid liest von der Möglichkeit Kinder in Dänemark zur Welt zu bringen, denn dort muss niemand den Vater des Kindes angeben und bis die Sache vor Gericht mit dem Erzeuger geklärt ist, kann man das Neugeborene bei einer Pflegemutter abgeben. Und genau dies tut sie. Ihr Kind erblickt zum ersten Mal die Welt in Dänemark und dort verweilt Lasse über mehrere Jahre hinweg. Astrid findet währenddessen einen Beruf beim Königlichen Automobilclub und lehnt den Antrag von Blomberg zu heiraten ab und damit beendet sie auch diese obskuren Beziehung. Doch die junge Mutter leidet enorm, sie leidet, weil sie ihr Kind nicht sehen kann und wenn sie es sieht, erkennt ihr eigenes Kind, die eigene Mutter nicht. Maria ( Trine Dyrholm) wird Opfer einer schweren Krankheit und kann somit nicht weiter das Kind von Astrid beherbergen, geschweige denn sich um den kleinen Lasse kümmern. Der kleine Junge muss mit nach Stockholm, wo Astrid lebt und arbeitet. Anfangs haben beide ihre Schwierigkeiten miteinander klarzukommen, doch beide überwinden die Täler, die sie trennen.

Durch einen hartnäckigen Keuchhusten, der ihren Sohn peinigt, ist Astrid vollkommen überfordert und schläft kaum noch. Am Arbeitsplatz rutscht sie in die Welt der Träume ab.

Sture Lindgren zitiert sie in sein Büro, er fragt sich, was mit ihr los sei und Astrid erzählt ihrem Vorgesetzten alles. Dieser stellt sie darauf für den Zeitraum in dem ihr Sohn erkrankt ist von der Arbeit frei. Als sie nach Hause kommt klingelt es direkt. Lindgren hat Astrid einen Arzt bestellt und bezahlt diesen natürlich auch.

Astrid reist gemeinsam mit ihrem Sohn Lasse zur ihren Eltern. Beide versöhnen sich wieder und liegen einander in den Armen.

Astrid und Lasse liegen im Gras und schauen in den Himmel.

Zum Ende des Films landet man nochmal im Schreibzimmer der Autorin, sie hat von einer Schulklasse eine Kassette bekommen, auf ihr ein selbstgeschriebenes Lied.

Drehbuch und Kamera, sowie auch die Schauspieler nehmen den Kinobesucher an die Hand und bitten ihn auf eine atemberaubende Reise mitzukommen, die schöner und sanfter und ehrlicher nicht sein könnte. Die Zeit fliegt in diesem Stück nur so vorbei und am Ende der Geschichte standen mir die Tränen in den Augen, ich musste gar weinen und das Schluchzten hinunter schlucken. Ja ein junger Mann, der eine Körpergröße von 1.96m hat, darf auch im Kino weinen, denn Astrid Lindgren hat nicht nur fabelhafte Kinderbücher geschrieben, sondern sie hat sich auch, wie wohl kaum eine andere Frau auf dieser Welt für Menschenrechte, Akzeptanz und die Gleichstellung von Mann und Frau eingesetzt und dazu gehört wohl auch, dass man als Mann, im Kino weinen darf und es bei diesem Film vielleicht sogar sollte.

Bildquelle: https://www.elle.se/astrid-lindgren-filmen-unga-astrid-trailer/

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