#WeRemember – Ein Plädoyer

Aktuell zum Holocaust-Gedenktag schreibt THIES in seinem neuen Text über die Verantwortung gegenüber einer Geschichte, die wir nicht erschaffen haben, und die Pflicht, das Vergessen aufzuhalten. Ein Plädoyer für mehr Erinnerung.

Irgendwann reicht es doch mal. Guck dir unseren Geschichtsunterricht an: Es geht nur noch um die Nazis! Schau doch mal nach Frankreich oder in die USA, die sind stolz auf ihr Land. Und bei uns singen Özil und Khedira nicht mal die Nationalhymne mit. Judenverfolgung ist wirklich Schnee von 1945. Es gibt keinen wirklichen Antisemitismus mehr, jedenfalls nicht in Deutschland!

Diese Aussagen, verehrte Leser, entspringen nur zum Teil meiner eigenen, abgedroschenen Vorstellung für einen kreativen Einstieg. Denn sie sind Gang und Gäbe, im Bus, in der Schule, in seltenen politischen Diskussionen. Leute in meinem Alter sagen solche Sachen nicht, weil sie gleichzeitig rechts oder gar Holocaustleugner sind. So etwas wird gesagt, weil sich ihre Erziehung und die Stimmung in Deutschland verändert hat. Viele haben emotional mit der Shoah abgeschlossen, zu weit weg, sie sind nicht schuld daran, was ihre Urgroßeltern einmal verbrochen haben.

Alles was das Böse benötigt, um zu triumphieren, ist das Schweigen der Mehrheit.

Kofi Annan

Doch eigentlich hat sich das Land, in dem wir leben, gar nicht wirklich verändert. Der „Erinnerungsweltmeister“ Deutschland hat nie die Kultur gepflegt, die er nach außen trug. Als meine Großeltern aufwuchsen, war die Nazizeit kein Thema, über das wirklich offen geredet werden konnte. Traumata und Ekel vor der eigenen Vergangenheit sorgten dafür, dass über Sex oder Homosexuelle offener gesprochen wurde, als über den Holocaust. Mehr zu diesen Themen kann man übrigens in Max Czolleks Streitschrift „Desintegriert Euch!“ nachlesen.

Wir begehen heute nicht Holocaust-Gedenktag, weil wir persönliche Schuld an den Verbrechen des Holocaust haben. Sehr wohl aber haben wir persönliche Verantwortung. Dass Antisemitismus immer noch ein Problem ist, belegt eine neue Studie der EU: Mehr als 44 Prozent der in Deutschland lebenden Juden überlegen, auszuwandern, aufgrund antisemitischer Übergriffe. Damit ist Deutschland auch diesem traurigen Zusammenhang Vorreiter.

Der gerne verteufelte Geschichtsunterricht an deutschen Schulen beinhaltet nicht zu viele Nazis, zu viel Judenverfolgung, zu viel Holocaust. Es wäre eher darüber nachzudenken, ob dieses Maß ausreicht. Immerhin scheint dieser Unterricht es nicht geschafft zu haben, die mehrheitliche Schülerschaft für diese Zeit zu sensibilisieren, ihnen klarzumachen, warum wir nicht vergessen dürfen und warum wir Verantwortung tragen.

Es waren vor allem Morde, die die Nationalsozialisten von 1933 bis 1945 begingen. Ein kurzer Blick ins Strafgesetzbuch §78 stellt klar: Mord verjährt in unserem Land nicht. Das heißt, dass ein solches Verbrechen verfolgt wird, egal wieviel Zeit seit der Tat vergangen ist. Also dürfen auch diese Ausgeburten menschengemachter Hölle nicht einfach in Vergessenheit geraten. Uns erinnern – das ist das Mindeste, was wir tun können, um der Opfer willen.

Ich sehe gar nicht ein, mir das nehmen zu lassen. In einem Land, in dem Leute von „Denkmälern der Schande“ reden, in dem es Menschen gibt, die leise versuchen, dieses schwarze Kapitel unter den Teppich zu kehren oder Diskriminierung wieder salonfähig wird, liegt es an uns, der Jugend, die Erinnerungskultur aufrechtzuerhalten. Für die nächsten Generationen darf der Holocaust nicht zu einem Mythos werden.

Unsere Generation hat viele Aufgaben, die uns die Fehler der früheren Generation eingebrockt haben. Auch diese Aufgabe gehört dazu. Wenn wir dranbleiben, schaffen wir das. Wie ich jeden Tag selbstverständlich „Guten Morgen“ oder „Danke“ sage, so auch kommt ein anderer Ausdruck wie selbstverständlich über meine Lippen: We Remember.


Bildquelle: http://www.spiegel.de/panorama/justiz/auschwitz-prozess-gegen-reinhold-hanning-wachmann-als-zeuge-a-1081872.html

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