Herrndorf: Die Rosenbaumdoktrin

Wir befinden uns gedanklich in den Jahren des Kalten Krieges und in dem wohl faszinierendsten Wettrüsten seit Anbeginn der Menschheit. Es ist kein Schwanzvergleich mit atomaren Sprengköpfen zwischen der Sowjetunion und den USA. In diesem Rennen gegen die Zeit, oder eher gegen das Ingenieurskönnen der anderen Supermacht, steht der Weltraum im Mittelpunkt aller Dinge.

Nachdem der zweite Weltkrieg sein Ende gefunden hatte, nahm man nicht nur Wertgegenstände aus dem besetzten Nazideutschland mit, nein, auch Technik und Wissen wurden in die Stützpunkte der Besatzer importiert oder exportiert. Der Raketenmann, besser bekannt unter dem Namen Wernher von Braun, wurde mit allem, was er bis dahin entwickelt hatte, von den USA einkassiert, besser gesagt: Wernher von Braun ließ sich in die Hände der Amerikaner fallen. Man nahm alles wichtige aus der Rüstungsfabrik in Peenemünde (Usedom) mit und lief über. Zu den Franzosen konnte man nicht wechseln, ihre technischen Fortschritte waren meilenweit unter ihrem Niveau. England war zu arm und die Russen waren der Alb, der sich des Nachts auf die Brust der Deutschen setzt. Also hatte man im Team von Brauns keine Wahl, wenn man leben wollen würde, dann musste man zu den Amerikanern gehen. Diese nahmen sie natürlich freudestrahlend auf, denn die Deutschen konnten Raketen bauen, als Beweis gilt bis heute die V-2.

Die Russen konnten aus dem Entwicklungs- und Forschungszentrum nicht mehr viel mitnehmen als Lehrlinge, drittklassige Technik und einige weniger begabte Ingenieure.
Trotzdem schafften die Sowjets als Erstes den Sprung in den Kosmos. 1957 zog der Satellit Sputnik seine Bahnen um die Erde. Vier Jahre später war Juri Gagarin der erste Mensch im Raum aller Welten, zwischendrin gab es immer wieder Kurzausflüge von Tieren ins Orbit.

Nur ein Ziel blieb offen, der Mond. Es war ein unfairer Sprint. Im Agrarstaat der UdSSR mangelte es an Geld und das, was man an technischen Informationen aus der westlichen Besatzungszone über Spionage bekommen konnte, wurde in den Hallen der Ingenieure nur sehr schlecht umgesetzt. Transistoren so groß wie Streichholzpackungen. Computer, die falsche Berechnungen ausspuckten. Die UDSSR war eigentlich am Ende. Trotzdem stand man einen Monat vor Cape Canaveral mit einer fertigen Rakete in Baikonur. Man hatte die Triebwerke dieses Models nie getestet, man wusste nicht, ob das Raumschiff fliegen konnte und bis zum Start wurde noch an der gesamten Konstruktion geschraubt. Eine Tragödie bahnte sich an: Ein Ventil öffnete sich zu früh, Menschen wurden zu lebendigen Fackeln. Hundertausende Liter an Treibstoff liefen in dieser Nacht aus und 126 Menschen kamen in Baikonur ums Leben.

Doch was wäre passiert, wenn das Himmelfahrtskommando tatsächlich in Richtung des Mondes geflogen wäre? Dann hätte Russland den größten Meilenstein in der Raumfahrt erzielt, den es zur damaligen Zeit gab. Doch wenn etwas Seltsames auf dem Weg zum Erdtrabanten passiert wäre, hätte es die Bevölkerung nie mit hundertprozentiger Gewissheit erfahren. Für jeden Kosmonauten galt die Rosenbaumdoktrin. Sie war eine Geheimhaltungsklausel. Für den Sonderfall, dass etwas Unerklärliches im Weltraum passieren sollte, stand sie Rede und Antwort. Für die Sowjetunion gab es laut Friedrich Jaschke nichts Unerklärliches. Wenn irgendetwas Kurioses auftauchte, galt der sofortige Schießbefehl mit der Bordkanone, dann sollte der Raumfahrer absolutes Stillschweigen bewahren über das, was passiert ist. Ob sie jemals zum Tragen kam, ist bis heute nicht geklärt, da niemand darüber sprechen darf, was im Weltraum passierte. Mysteriös wurde es, nachdem Jury Gagarin zurück auf die Erde gekommen war. Seine Boardwaffe war eine Makarow. Acht Schuss sind standartisiert im Magazin. Als Gagarin wieder gelandet war, fehlte bekanntlich ein Schuss. Was wirklich passierte, wird man nie klären können. Jury Gagarin ist 1968 bei einem Flugzeugunglück ums Leben gekommen.

Dieser Text basiert auf der deutschen Erzählung „Die Rosenbaumdoktrin“ von Wolfgang Herrndorf. Das fiktive Interview wurde erstmalig 2007 veröffentlicht. Auch wenn es nicht hundertprozentig der Wahrheit entspricht, ist der Gedanke trotzdem interessant. Warum sind einige nie zurückgekommen? Nicht alle technischen Fehler sind aufgeklärt worden, bei einigen ist es bis heute nicht geklärt, was damals tatsächlich passierte. Als Gagarin seine Landung überstanden hatte, wurde er direkt gefragt, ob er Gott gesehen habe, seine Antwort war einfach: „Nein, da oben ist nichts.“ Dieses Interview wurde im Vorfeld geplant und abgesprochen.
Egal warum, der größte Teil der Menschheit wird niemals erfahren, was in den goldenen Jahren der Raumfahrt für absurde und eigenartige Dinge geschehen sind.


Als ewiger Evergreen hat Schurti, einer der ersten Autoren des GP, immer einen Text auf Lager.


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