„DEUTSCHLAND“ – Ein klares Zeichen gegen Nationalsozialismus?

Bekannt wie die Briten 45 ist auch Rammstein für seine grandiosen Feuer-und Flugshows und seine harten Angriffe auf den Nationalsozialismus, dennoch werden sie weltweit von Nazis und anderen rechten Ideologen gefeiert, denn Till Lindemann singt in der überlegenen Sprache Deutsch, die Texte sind harsch, triefen von genialer Lyrik und Rammstein rollt das R. Bereits mit dem Song „Links 2,3,4“ hat man versucht sich mehr als deutlich von rechten Spektrum zu distanzieren, doch dies ist ihnen nie wirklich gelungen. Auch wenn Zeilen, wie

„Sie wollen mein Herz am rechten Fleck sehen, doch sehe ich dann nach unten, schlägt es links“

einen scharfen Beigeschmack haben und für einen intelligenten Nazi pardon Paradoxon, für einen gebildeten Rechten Grund genug sein würden sich die Wahl des T-Shirts dreimal zu überlegen, hat die Band aus dem Land zwischen Rhein und Oder mehr Anhänger aus dem braunen Spektrum, als Adolf Hitler seines Zeitens.

Vor wenigen Tagen erschien auf den Kanälen der Band ein Trailer, es zeigt die Mitglieder am Galgen in den gestreiften Anzügen die man Juden in KZ anzog. Auf den Trailer folgte ein Musikvideo mit dazugehörigen Lied. Eine Welle der Empörung ging durch die Medienlandschaft, doch was steckt hinter DEUTSCHLAND, dem lyrischen Werk, dass auf dem ersten Blick so mit patriotischen, hetzenden, nationalsozialistischen und schlichtweg abartigen Parolen gespickt ist? Kam es zu einem Sinneswandel der Musikgruppe? Hat man den Links-Patriotismus abgelegt und lies nur noch den Patriotismus stehen?

Zu Beginn einige Worte über das Musikvideo. Mit Specter Berlin im Regie Stuhl erschuf man ein Meisterwerk der Bewegtbildkunst. Die Kamera nimmt einen an die Hand und man wird durch 2000 Jahre glorreiche deutsche Geschichte gezogen. Von der Schlacht bei Idistaviso um 16 n. Chr. bis hin zu Raumfahrer oder Zeitreisenden, die deutsche Vergangenheit neu erleben. Im Bildepos werden des weiteren einige Querverweise auf Wernher von Braun geschlagen, den man in Hollywood besser unter dem Namen Dr. Strange kennt. Das Boot, eine der legendärsten deutschen Filmproduktionen überhaupt bekommt ebenfalls einen Platz. Man spielt hier auf die grausamen U-Boot-Schlachten des Ersten und Zweiten Weltkriegs an. Hindenburg, DDR, Bruderkuss und KZ werden immer wieder erwähnt, diese Sinnbilder sind schlüssig und verstecken keine besonders tiefsitzende Metapher. Doch warum stellt man Germania in ihrer 4. Szene als Rapperin da? Die Schäferhunde die an der straffen Leine zehren sind im Rap oft genutzt und der Inbegriff eines arischen Hundes.

Doch der gesamte Aufbau des Bildes erinnert Fans des Deutschraps an etwas anderes. Ein Video bzw. Bild des Kaisers im deutschen Sprechgesang, Felix Antoine Blume, oder auch Kollegah gibt genau diese Szene wieder. Die Ähnlichkeit rührt daher, dass der muskelbepackte Lyrikmeister und Entrepreneur Kollegah im letzten Jahr ziemlich Welle machte, durch eine Zeile im Track 0815, die zu einem riesigen Eklat beim Echo führte. „Mein Körper definierter/deformierter, als von Auschwitzinsassen“ Man unterstellte Farid Bang und Kollegah damals antisemitische Sprache. All dies führte zum Sturz des Echos. Man könnte das Sinnbild auch auf das Deutschland der Dichter und Denker beziehen un die Kollegahtheorie beibehalten, denn er gilt als sprachgewaltig und als Rapphilosoph.

Germania, eine der interessanteren Rollen des überwältigen Kurzfilms wird hier bewusst schwarz dargestellt, man spielt auf die dunkle bzw. schwarze Vergangenheit des so wechselhaften ehemaligen Reiches an, wie man es hierbei auszulegen hat, bleibt jedem selbst überlassen.

Das Video sollte aber nicht den Text übertrumpfen, denn im sprachlichen Meisterwerk geht es erst richtig los.

Till Lindemann findet mit den Worten

Du (du hast, du hast, du hast, du hast)
Hast viel geweint (geweint, geweint, geweint, geweint)

in das Lied und diese Worte stehen dafür, dass DEUTSCHLAND in seiner langen Geschichte einiges auszuhalten hatte, die Herrschaft der Nazis ist da ein treffendes Beispiel. Eine liebliche Zuneigung und dennoch brutaler Hass gegen das so zerschundene Land, sowie innere Zerrissenheit prägen den gesamten Text.


„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, Die eine will sich von der andern trennen; Die eine hält, in derber Liebeslust, Sich an die Welt mit klammernden Organen; Die andere hebt gewaltsam sich vom Dust Zu den Gefilden hoher Ahnen.“

Aus Goethes „Faust“

Der nächste Vers erzählt die Geschichte vom harten Trennungsschmerz, wie man ihn aus den Regierungsjahren des Eisernen Vorhangs kennt. Der Refrain bringt den Kampf im tiefsten Geiste des lyrischen Ichs perfekt zur Geltung.

Deutschland – mein Herz in Flammen
Will dich lieben und verdammen

Man will Deutschland reine Liebe und puren Frohsinn schenken, doch politische Lage und Vergangenheit lassen dies einfach nicht zu. Man kann Deutschland wohl viel mehr nicht lieben, denn „sein Atem ist kalt“, heißt es in der nächsten Zeile. Des Weiteren heißt es da „So jung und doch so alt“ Die Bundesrepublik Deutschland existiert in seiner heutigen Form erst knappe 30 Jahre, obwohl die Geschichte Deutschlands weit in die Antike zurückreicht, ist Deutschland an sich noch nicht alt und musste viele Metamorphosen über sich ergehen lassen, ehe es aus den Ruinen wieder auferstanden ist.

„Ich will dich nie verlassen“ Ein Bekenntnis an die Heimattreue, dass die zweite Strophe in Gang bringt. In Folge auf diese Zustimmung an ewige Liebe für das Deutschelande kommt ein direkte explosive Antwort. Die man nicht besser als mit dem Zitat der zwei Seelen beschreiben könnte, welches Eingangs des lyrischen Teils steht.

Man kann dich lieben (du liebst, du liebst, du liebst, du liebst)
Und will dich hassen (du hasst, du hasst, du hasst, du hasst)

Tiefer Zwiespalt drückt der Künstler an diesem Punkt aus. Er stellt es zur Möglichkeit Deutschland zu lieben, aber steht nicht vollkommen hinter seiner Aussage, denn man kann Deutschland lieben, aber viel mehr will man es hassen. Dafür was es in seiner langen Existenz verbrochen hat. Man schämt sich gar mit Hand auf der Brust zu singen. Außerdem beziehen sich die Zeilen tendenziell auf politische Strukturen die es gab und immer noch gibt. Extreme Schwankungen zwischen links und rechts. Unbegründeten Nationalstolz und diejenigen die sagen, dass Nationalstolz in Deutschland unbegründet sei.

Kurz darauf beginnt im Lied ein Kreuzfeuer an einfachen Worten, mit tiefster Bedeutung.

Überheblich, überlegen
Übernehmen, übergeben
Überraschen, überfallen
Deutschland, Deutschland über allen

Jede Zeile spricht für sich und dennoch hängen sie mehr oder minder zusammen. Man wird hierbei durch einen Großteil der Nazidiktatur gerissen.

Überheblich, überlegen

→ Die beiden Worte kann man symbolisch für Deutschlands Rolle in der Welt sehen. Wir stellen uns liebend gerne über andere Nationen und verschaffen uns damit gewaltige Vorteile.

Aber viel deutlicher ist wohl, dass man sich zur goldbraunen Zeit der Nationalsozialisten als überlegenes Volk angesehen hat. Heute wirkt diese Haltung eher überheblich. Nur ein Beispiel: Die Arieransprüche haben überhaupt nicht zu denen gepasst, die Deutschland regierten und in den bitteren Tod am Wolgastrand kommandierten. Goeppels hatte einen Klumpfuß. Hitler selbst war dunkelhaarig, kleingewachsen und ziemlich schmächtig, ihm fehlte ein Hoden. Döhring litt an Übergewicht und viele weitere Persönlichkeiten des totalitären Staates waren keine Arier. Somit war extrem überheblich, wenn man sagte überlegen.

Übernehmen, übergeben

→ Auch hier darf und kann mehr sehen, als zwei deutsche Worte, die unglaublich energievoll sind. Am 30. Januar 1933 übernahm Adolf Hitler mithilfe des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg das Amt des Reichskanzlers. Übernehmen und Übergeben passt hierauf sehr gut, aber die Alliteration lässt sich auch an anderen Stellen der deutschen Geschichte anwenden.

„Ich kann nicht so viel fressen wie ich kotzen möchte.“

Max Liebermann schenkte der Welt diese Worte, als Kommentar auf die Machtübernahme.

Man sieht hier also ganz klar, welche Verbindungen und Doppeldeutigkeiten zum dritten Reich hier gespannt werden. Im nächsten Wortblock wird der Verdacht auf einen Hauch NS-Zeit in diesem Lied endgültig klar.

Überraschen, überfallen

→ Mit Blitzkriegen wurde Deutschland zuletzt in den Jahren 1939 bis 1945 weltbekannt. Bei dieser Taktik wird der Gegner durch ein plötzliches Überfallen überrascht und ist kaum dazu im Stande seine Streitkräfte zu mobilisieren.

Beim Schluss der 2. Strophe handelt es sich um eine Anlehnung an einen bekannten Teil aus dem Deutschlandlied.

Deutschland, Deutschland über allem! Im Orginaltext heißt es da

„Deutschland Deutschland über alles, über alles in der Welt“.

Rammstein provoziert hierbei bewusst. Wenn man sich den letzten Vers als Gesamtkonstrukt anschaut, erkennt man wie man hier eine Art des Nationalismus gebaut hat, die in sich an manchen stellen Widersprüche aufwirft, bzw. am Anfang eine Gegenstimme hat, die aber dann wie im Hitlerstaat liquidiert wurde. Mit der Überlegenheit durch Überheblichkeit fing es an, dann wurde die Macht übernommen und es wurde sich übergeben und im nächsten Schritt kam es zum Blitzkrieg. Deutschland war dann über allen anderen.

Jetzt kommt es zu einer Abwandlung des Refrains. Man fügt die Zeilen „Deine Liebe ist Fluch und Segen“ sowie auch „Meine Liebe kann ich dir nicht geben“ bei. Wiedermal steht das lyrische Ich zwischen zwei Fronten und muss abwägen auf welche Seite der Vernichtung es sich schlägt. Wenn es sich auf die Liebe Deutschlands einlässt geht es ihm gut, aber es muss mit der Wahrheit leben, mit was in Deutschland Holocaust, Hitler-Diktatur und der Zweiten Weltkrieg angefangen haben. Mit Vaterlandsliebe. Deshalb will man sich nicht darauf einlassen und schenkt keine Liebe zurück.

In der Bridge kommt es wiedermal zur Aufzählung von vielen Worten, die ziemlich wenig Sinn zu machen erscheinen. Einfache Personalpronomen werden aufgereiht und danach werden sie mit anderen viel stärkeren Worten beschossen.

Du
Ich
Wir
Ihr
(Du) übermächtig, überflüssig
(Ich) Übermenschen, überdrüssig
(Wir) wer hoch steigt, der wird tief fallen
(Ihr) Deutschland, Deutschland über allen

Doch Sänger und Texter Till Lindemann macht sich hier eine sehr einfache Sprachliche Methode zu nutzen. Er spricht jede Person an die es gibt, dass er zeigt auf die anderen, dann auf sich und bindet zum Schluss mit einem WIR das Volk ein und mit einem IHR alle anderen. In der Wiederholung werden die Personalpronomen leiser bzw. aus dem Hintergrund hervorgesungen, während die Sätze und Wortgruppen kräftig und klar gesprochen werden.

Übermächtig und Überflüssig stehen für die deutsche Vormachtstellung in Europa und wie man immer wieder extrem in das Geschehen eingegriffen hat. Man nehme sich nur den ersten und zweiten Weltkrieg. Überflüssig könnte wie bei der zweiten Strophe eine Gegenrede sein bzw. sich darauf beziehen, dass für Deutschland in der heutigen Zeit Demonstrationen von Größe und Stärke nicht notwendig wären.

Das Ich und die damit verbundenen Übermenschen und Überdrüssigkeit lassen sich auf ein Emporheben des Ariertums schließen. ICH bin Deutscher und Arier. Reinrassig schlicht weg ein Übermensch, aber das Überdrüssig zerschießt den Übermenschen. Denn durch unsere politische Überzeugung, dem Willen gegen Rechts zu kämpfen sind wir denen lästig.

Das Rammstein eine Band ist, die sich gegen Nazis und ähnliches einsetzt sagt wohl am besten die letzte Zeile der Bridge aus.

Deutschland Deutschland über allem, wer hoch steigt, der wird tief fallen!

Man schließt komplett damit ab in dem beide Zeilen in eine direkte Verbindung setzt. Wenn Deutschland jemals wieder sowie in den Jahren des Kaisers oder Hitlers nach oben steigt, dann wird man mit einem extrem tiefen Sturz rechnen müssen, sowie man ihn mehrmals erlebt hat.

Ein Song den man als erneute blutige Abrechnung mit den Ideologien von Rechtsaußen sehen muss. Denn Rammstein ist hier mit lyrischen Mittel allen überlegen und zerfetzt Nationalismus in der Luft. Nicht nur in der Musik war man hier sehr dominant, nein, auch das Video hatte einiges an Feuer in sich. Es lohnt sich immer wieder bei dieser deutschen Band in den Text zu schauen und zu verstehen, was man da ins Mikrophon rollt.

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