Herr Q. und die Zeit

SCHURTI behandelt in seiner neuen Kurzgeschichte die Zeit als Phänomen.

Ruhige Augen mustern langsam den Raum. Sie wirken dabei verbraucht, beinahe scheinen sie, als wären sie müde. Müde, aber wovon? Vom Leben? Von all den quälenden Fragen? Davon, dass die Definition von jeglicher Funktion und die Anreicherung allen Wissens doch gescheitert ist? Wäre das so, so wären es traurige Augen, durch die ein Geist blickt, der bis zuletzt damit beschäftigt gewesen wäre, Informationen aufzusaugen und in einer Bibliothek mit mehr als 5000 Petabyte abzusichern. Ein Geist, der scharfsinnig und überfressen ist, würde die Sinnesquelle des Körpers steuern.

Tick tack. Tick tack. Tick tack. Uhrengeräusche, soweit man hören kann. Alte Ohren, die etwas schlapp an dem kohlrübenähnlichen Schädel befestigt sind. Die lange, hakenförmige Nase, die mehr als einmal gebrochen wurde, zieht immer wieder den Duft von frischem Kaffee ein. Wie Nebelschwaden hängt er in der Luft. Um den kohlrübenähnlichen Kopf herum sind unzählige Messinstrumente für eine der größten Absurditäten im ganzen Universum. Zeit.

„Herr Q. Ihr Kaffee kühlt ab, wollen Sie ihn noch trinken?“, eine sanfte und ruhige Stimme stellt diese Frage mit erschreckender Direktheit. Aus dem scheinbaren Nichts, stellt Q. nach minutenlangen Schweigen eine Gegenfrage in den Raum „Wie lange?“ Rau und verbraucht, etwas von Zigarettenrauch und billigem Wein klingt diese Stimme durch den kontinuierlichen Ton des Tickens. Alle Uhren sind genau aufeinander gestimmt. Egal ob Kuckucksuhr, oder einfache Armbanduhr. Egal ob Glashütte oder Junghans. Jeder Takt, jeder Sekundenschlag, jede Zeigerbewegung verlaufen linear perfekt parallel. Elsie zögert und blickt auf ihr Handgelenk: „Genau vier Stunden.“ „Genau?“, hakt Q. mit energisch nach, „Genau vier Stunden? Sind es wirklich jetzt, in diesem Augenblick, vier Mal 60 Minuten?“
Ruhe findet Einkehr in dem Zimmer, nur die Zahnräder hört man rattern und arbeiten. „Ich bin mir nicht sicher“ Elsies stimme klingt dabei gestaucht, geschundener als sonst. Der engelsgleiche Singsang wurde herausgepustet. „Wissen Sie, Fräulein Pflegerin, wie Zeit sich anfühlt? Es ist kein reines Auf-Die-Uhr-Schauen und Grob Schätzen, wie viel vom Tag bereits durch eine Einheit, die irgendjemand festgelegt hat, genommen wurde. Es ist kein Kalenderblick und sagen, so viele Tage hast du noch bis du ein Jahr älter bist. Wir fühlen sie alle anders. Wir nehmen sie völlig verschieden war! Zeit hat mir mein Leben geraubt!“ Seine Stimme zittert, als er von der Schaukel fällt. „Aber mein Junge, was machst du da nur“ Etwas Richtendes schwingt in Ihrer Stimme mit. „Mama, was soll ich getan haben? Ich bin nur hinuntergestürzt!“, reine Verwirrung prägt diesen Satz und er klopft sich den Staub von den Hosen. „Ach nichts, spricht die Mutter, nichts, mein Schatz, es ist nur, dass du mit dem Geschenk deines Großvaters aufpassen sollst, nicht das Sand in das feine Spiel aus Schrauben, Rädchen, Federn, Haken kommt“ Q. fragt aufgeregt, beinahe von diebischer Neugier durchdrungen:,, Was passiert dann?“ Die Frage kann er sich selbst beantworten, eigentlich. Als Kind in einem kleinen Dorf, in dem man sogar mit Alustückchen die auf Zahlen, welche in Emaille geritzt sind zeigen, Geld verdienen kann. „Stillstand“, spricht der Pfarrer „Davor hatte er sein gesamtes Dasein Angst und dennoch lieferte der Stopp ihm den Unterhalt.“

„Warum, warum jetzt? Warum nach so wenigen Jahren? Warum nicht länger?“ Der Teufel quält Q. In seinem inneren mit abartigen Fragen, die in nicht schlafen lassen, die ihn jetzt in Gottes Haus nicht ruhig sitzen lassen wollen. Seine Füße bewegen sich im Takt. Ein zweier Schritt. Tip. Tap. Tip. Tap. Tip. Tap. „Doch für ihn kam es in seinem Leben zum Erfrieren aller Freude. Und keiner bekam es mit.“
„Warten Sie ich mache Ihnen ein besseres Angebot“ Doch er Herr Q. schmeckte bereits das Blut, dass sich in seinem Mund sammelte. Eine gewaltige Faust zertrümmerte seine Nase. Wegen einer Uhr. Einer Uhr die nicht tickte. Der Preis war nicht anschlaggebend. Die Jahre waren es. Zusammengekauert sitzt auf dem Boden. „Sie funktioniert einfach nicht mehr“ Tränen schwangen in seiner Stimme mit. „Nicht mehr? Schon immer, meinen Sie wohl!“

Meißelwerkzeug und Zirkel begrüßen ihn. „Ich bin auf der Suche nach Antworten“ er spricht leise und gedämpft zum großen Meister. Sein Haupt verdeckt von schwarzem Samt. Eine dröhnende, übermächtige Stimme halt durch das Fundament eines Ortes der mahnen und erinnern soll: „Antworten auf was?“ „Darauf, was für eine Substanz unseren Schädel füllt. Mir so Angst macht. So viel Schwere auf meine Brust ausübt, mir den Lauf an den Kopf hält!“ „Sie sprechen von dem Stoff, der unsere Träume verschlingt, unsere Ideale raubt und uns trotzdem antreibt Dinge zu tun?“
Ein tiefer Schnitt zieht sich durch sein Gesicht. „Diese gottverdammte Zeit! Warum habe ich nur so wenig von ihr? Warum hetzt mich der große und der kleine Zeiger nur so? Ich komme nicht hinterher, egal, was ich versuche! Sie rennt davon und ich, wie ein Verrückter, hinterher. Ich will sie schnappen und auf den Boden drücken, doch das klappt nie!“ Seine Hand zertrümmert den Spiegel. Mit halb rasierten Gesicht und klaffender Wunde steigt er die Treppe mit Feuerzeug und Benzin herunter. Seine Werkstatt. Sein Reich. Seine Hölle!

„Schatz, was ist los mit dir? Weshalb verbirgst du dein Gesicht?“ fragte sie ihn im nächtlichen Tumult. „Mein Liebling, siehst du sie nicht? Wie sie davon fliegt und ich sie nicht mehr kriege?“

Große Glastüren öffnen sich ihm. Hier soll er hin. Hier soll er leben. „Wie oft darf ich ihn sehen?“ fragt kindliche Stimme. „Oh mein Engel, so oft du willst!“ „Meine Tochter, du vergisst da etwas! So oft ich will.“ „Sie müssen sich jetzt wirklich von Ihrem Vater verabschieden.“

„Haben Sie eine Ahnung, wie sich Zeit anfühlt?“ Mit durchdringendem Blick stellt er ihr diese Frage. „Wissen Sie mein ganz Leben habe ich versucht, Zeit zu ergründen zu verstehen, was für ein Konstrukt das ist. Zeit. Doch letztendlich gehört es in Kategorie der Hirngespinste.“
Herr Q. steht auf und geht zum Fenster. Seine alte Hand öffnet es schwungvoll und er setzt sich in den Rahmen. „Zeit fühlt sich an, wie ein ewiges Fallen.“ Als er diese Wort spricht kippt er mit seinem ganzen Körper nach vorne und stürzt in die Tiefe. „Alles rauscht vorbei und niemand weiß, warum! Die Tage und Momente verschmelzen und letzten Endes ist man alt, ehe man geboren wurde. Man lebt ohne Punkt und Komma. Man blickt beim Rasieren und den Spiegel und sieht sich selber zerfallen. Jahre vergehen rasant und Erlebnisse hageln nieder. Hätte doch nur niemand eine Maßeinheit erfunden“
Herr Q. schnellt auf den Boden und zerspringt wie eine filigrane Holzuhr in tausende Teile. Wie die Zeit vergeht.

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