Wegschauen, die Krankheit des Spätkapitalismus

Zurück aus der Sommerpause hält uns MORITZ den Spiegel unserer Ignoranz vor: Sein neuer Text, ein Hilferuf und ein Appell, betrifft uns alle.

Eines Tages wird unsere Generation aufwachen und sich den berühmtesten Satz der Menschheitsgeschichte anhören müssen: „Was habt ihr getan?“ und wir werden mit hoher Wahrscheinlichkeit antworten „Wir haben von nichts gewusst…Wir haben nichts gesehen und was soll man da schon machen, wo man doch unwissend ist?“. Doch wir wissen alle, was gerade auf dieser Welt passiert und wir sehen es, denn die Medien stehen nicht still. Man schließt ganz einfach die Augen, denn was man nicht sieht, das ist ja auch nicht da. Herzen werden zu Stein, man beginnt zu schreien, andere weinen und man bleibt stumm.

Während in Brasilien der Regenwald von einem Faschisten aus Profitgier niedergebrannt wird, bleibt die Welt stumm. Stattdessen berichten die großen der Informationsverantwortlichen über Cristiano Ronaldo und Lionel Messi und zeigen, wie schön doch alles ist. Man tackert uns die Augen zu und wenn man unter Blut, Schleim und Stahl kurz sieht, was gerade wirklich passiert, dann ist man darüber froh. Die Wahrheit ist hart und kalt. Die Wahrheit, dass Gott uns die Glock an die Schläfe hält und wir schweigend zustimmen. Im Mittelmeer ersaufen tagtäglich Geflüchete und Seenotretter werden von Widerlingen wie Salvini zu Schleppern erklärt. Der deutsche Wutbürger klatscht und die AfD feuert eine Scheindebatte aus Menschenhass und Rassismus mit feinster 1933er-Polemik an. Man glaubt, dass Nationalstolz irgendetwas bringt und ist nur wegen Schwarz-Rot-Gold in einer Position über Menschen, die alles hinter sich lassen, sogar die vielleicht so geliebte Heimat, mit Verachtung zu richten.

Aber diese Deutschen würden niemals aus ihrer Heimat, die erst seit weniger als 200 Jahren wahrlich existiert, fliehen, wenn Terror, Gewalt, Krieg und Klimakatastrophen an der Tagesordnung stehen würden. Natürlich würde der Wutbürger alles für sein Land tun und ganz gewiss isst er auch weiterhin billiges Schwein aus dem EU-Ausland, kauft Shirts für 2 Euro bei Primark und sagt, er sei Stolz darauf, Deutscher zu sein, wenn er den Chevrolet mit Diesel aus den VAE volltankt. Er schließt die Augen bei der Wahl und hört nur, was ihm von Rechts versprochen wird. Und was machen wir? Die eigentlich der starke Schild sein sollten, diejenigen, die dagegen vorgehen? Wir schweigen, wenn er schreit. Wir schweigen, wenn man die Jugend verurteilt. Wir halten das Maul, wenn er Flüchtlinge denunziert. Er ist ja kein echter Verbrecher, er zündet ja keine Migrationszentren an oder prügelt FFF-Demonstranten weg, er ist ja nur besorgt, wütend und viel besser informiert. Statt die Wahrheit zu sprechen. Fakten zu sagen. Statt diesen Menschen mit dem ersten Paragraphen des Grundgesetzes die Nase zu brechen, geben wir ihnen durch Stille recht. Und jedes Mal, wenn wir unsere Augen vor den real existierenden Problemen verschließen, liefert die EU Waffen in den Jemen. Doch wie ein weißer/weiser Mann der FDP am ersten Mai uns lehrte, „Sterben die Menschen im Jemen ja so oder so, dann doch lieber mit deutschen Waffen“. Von alle dem bekommt man in Europa ja nichts mit, die Flüchtlinge die kommen ja eh nur, weil es uns so viel besser geht, da wir auf deren Kosten leben.

Frauen wieder in die Küche schicken, ist für unsere Gesellschaft ja kein Problem. Für den gleichen Job das gleiche Geld zu bezahlen? Was fällt einem denn ein, die könnt‘ ja schwanger werden! Sexismus darf nicht mit verschlossenen Augen akzeptiert werden, wenn andere in Höschen greifen.

In Grönland schmelzen zwölf Millionen Tonnen Gletscher weg, wir schließen die Augen, denn wir sind müde vom Inlandsflug. Und jeder Jugendliche, der freitags auf die Straßen geht, der ist dumm, der hat nichts gelernt und der will ja sowieso nur schwänzen. Die Menschen, die auf Probleme aufmerksam machen, sind die Linksfaschisten, da können sie auch seit Jahren CDU wählen, alles was man nicht durch die vereiterten, zu getackerten Augen, als blaubraun erkennt, ist der rote Feind.

Wir dürfen nicht mehr wegschauen! Wir dürfen nicht mehr schweigen, wenn Nationalisten jagen gehen! Wir dürfen nicht daheim bleiben, da wo es schön ist! Wir müssen auf die Straßen gehen, denn es geht um Menschenrechte, es geht um unsere Zukunft und vor allem geht es um Gerechtigkeit, die ein solches System niemals liefern kann. Denn der Kapitalismus in seiner spätesten Form ist nicht mehr am Aufstieg eines jeden Einzelne interessiert, nein er unterdrückt, damit die, die bereits mehr als genug haben, noch mehr in ihren Rachen gestopft bekommen.

Bildquelle: © Carl de Souza/AFP/Getty Images

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